• 16. November 2007 16:11
  • Sendung vom 17.11.2007, Topic

Zeitgeschichte im Netz – Zwischen Tokio-Hotel und Weltpolitik


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Ein Beitrag von Michael Meyer: 
Die Ereignisse am Tag des Mauerfalls, dem  9. November 1989, sind den meisten Menschen noch präsent – weniger präsent sind die individuellen Beobachtungen und Erlebnisse an jenem oder einem der folgenden Tage.  Diese ganz subjektiven Erlebnisse  der Internet-Community zugänglich zu machen – das ist das Prinzip von „einestages.de“, einem Projekt, das als ein Ressort von SPIEGEL ONLINE konzipiert ist. 
 O-Ton:  Wir verstehen Zeitgeschichte als einen sehr breiten Begriff.

Sagt Wolfgang Büchner, stellvertretender Chefredakteur von SPIEGEL ONLINE.
 O-Ton:  Wir haben von Lesern die unterschiedlichsten Beiträge schon bekommen,…, ganz frisch hat uns ein Leser geschrieben, wie er den Erstverkaufstag für das I-phone erlebt hat. Ein anderer Leser hat uns aufgeschrieben, wie in den Sechziger Jahren die Zukunft gesehen wurde, also das Jahr 2000 – damals die Zukunftsvision. Es gibt also die schweren, zeitgeschichtlichen Themen, wie man sie sich vorstellt, also: Mauerfall,  Trümmerfrauen, Nachkriegszeit – aber es gibt eben auch die Tapeten der Siebziger Jahre, das erste Tokio-Hotel-Konzert, all das ist für uns Zeitgeschichte.
 Als Partner hat die Redaktion unter anderem das Bundesarchiv, das Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz und das Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr gewonnen. „einestages.de“  soll Beiträge von Historikern und interessierten Laien genauso versammeln wie Texte von Journalisten oder subjektive Erinnerungen von Zeitzeugen:
O-Ton:  Wir wollen wirklich beides. Deswegen haben wir auch bei „einestages“ zwei Schienen sozusagen: Die eine Schiene heißt: „Themen“, da geht es uns um die Draufsicht auf die Themen, auf möglichst objektive Darstellungen, wenn wir also nochmal den Tag des Mauerfalls aus der Perspektive der Geschichtsschreibung beschreiben wollen, dann wird sich das in „Themen“ wiederfinden. Wenn es darum geht, wie Herr Müller ganz persönlich den Tag des Mauerfalls erlebt hat, wie er über den Übergang Bornholmer Straße gegangen ist, dann wird diese Geschichte bei „Zeitzeugen“ stehen, das ist die zweite Schiene bei „einestages“, in der Schiene „Zeitzeugen“ geht es um die ganz persönlich erlebte subjektiv erlebte Geschichte.
Die Redakteure sollen aus den eingesandten Texten, Bildern und Erinnerungen eine Art  kontrollierten Strom der Erinnerung machen. Die redaktionelle Auswahl – Internetpuristen würden es wohl „Zensur“ nennen – sieht ausdrücklich keine „Community“ vor – sprich:  Die Autoren können untereinander über die Texte zwar diskutieren, einfach irgendwelche Materialien hochladen können sie aber nicht, betont Wolfgang Büchner:
O-Ton: Jeder Text, der von uns veröffentlicht wird, wird von uns gelesen, redigiert, und dann erst veröffentlicht …, und andere Geschichten, die vielleicht problematisch sind, weil die Fakten unklar sind, oder weil die Geschichte schlecht geschrieben ist, die werden es eben nicht auf die Seite schaffen, ebenso wie Sie in der Zeitung nicht alles veröffentlichen, was Sie angeboten bekommen.            
Einen ganz anderen Schwerpunkt setzt das seit vor wenigen Monaten Online gegangene „miomi.com“.  Hierbei steht der Community-Aspekt ganz stark im Vordergrund.  Über eine Zeitleiste, aber auch eine Weltkarte können die User sich die Geschichten anderer Nutzer ansehen – also Geschichte, die sowohl zeitlich, als auch örtlich navigierbar ist, erklärt Karlheinz Toni, einer der Gründer der Seite mit Sitz in London:
O-Ton:  Jetzt hat der User sozusagen zwei Referenzpunkte, nämlich einerseits die geschichtlichen Daten, was passiert in der Welt sonst noch irgendwo, darüber hinaus: Was haben andere Leute sonst noch erlebt, irgendwo anders in der Welt.  (…) Man kann sehen, was ist am gleichen Ort zu einer anderen Zeit passiert, möglicherweise vor 100 Jahren, oder: Was hat mein Freund in einem gleichen Gebiet vor zwei Wochen erlebt? War er auf einer Party, …, wer hat auf der ganzen Welt etwas ähnliches erlebt wie ich, etwas ganz anderes, wer hat etwas lustiges, etwas trauriges erlebt, was ist auf der Welt sonst noch vor sich gegangen? Was für Globalevents hat es gegeben? Wurde jetzt gerade eine Militärdiktatur ausgerufen? Oder – wie auch immer.
Die Vielfältigkeit der Seite „miomi.com“ ist aber auch ihr Problem:  Die Einträge auf der Weltkarte lassen sich, zumindest auf den ersten Klick hin, nicht abgrenzen nach Wichtigkeit. Mit anderen Worten: Wer auf einen Eintrag aus Spanien klickt, kann ebenso zu einem Urlaubsbericht aus Ibiza kommen, wie zu einem Meinungsbeitrag über die Anti-Terrorpolitik der spanischen Regierung. Die Kernidee von miomi ist aber der „Sozialcharakter“, wie die Gründer es nennen. Ähnlich wie auf MySpace oder Facebook können Nutzer sich registrieren, ein Profil anlegen, sich gegenseitig als „Freunde“ einladen; vor allem aber können sie eigene Erlebnisse auf einer Zeitleiste mit anderen teilen und deren Beiträge kommentieren.  Karlheinz Toni hofft, dass die Seite sich gerade bei dramatischen, einschneidenden Ereignissen bewährt. Etwa: Wenn irgendwo ein Unfall passiert, können Betroffene darüber diskutieren, oder: Jemand, der bei den Londoner Terroranschlägen einen qualmenden U-Bahn-Schacht gefilmt hat, kann seine Erlebnisse über die Website mitteilen. Doch schon jetzt kommen zum Teil auch sehr persönliche Einträge, meint Karlheinz Toni:
O-Ton:  In UK zum Beispiel hat ein Mädchen das gesamte Leben von sich eingestellt. Von der Geburt, der Geburt ihrer kleinen Schwester, und wie sie den ersten Freund getroffen hat, wie sie zur Schule gekommen ist – und auch die Geburt ihrer Eltern. Also wirklich sozusagen ihr gesamtes Leben virtuell dargestellt. (…) Das fand ich schon sehr schön, wie sie es beschrieben hat, die Art und Weise, wie sie Daten zur Verfügung gestellt hat, die Bilder waren sehr emotional teilweise, teilweise auch artistisch, das fand ich ein sehr, sehr schönes Beispiel.
Die Geschichtsportale im Internet betreten weitgehend Neuland, denn: Bisher hat sich die Historie im Netz nicht gerade hervorgetan. Außer in einigen Fachportalen für Geschichtsforscher und -studenten gehört die Vergangenheit nicht zu den Favoriten der Internet-User. Historische Ereignisse werden offensichtlich immer noch dem Medium Buch zugeordnet – aber das wird sich allmählich wohl ändern.