• 28. August 2010 15:08
  • Besprechung, Medienwandel, Sendung vom 28.08.2010

Was geht App?

Wie sich Zeitungen und Magazine auf mobilen Geräten machen


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Vor genau sieben Monaten wurde es präsentiert – das bejubelte Branchen-Rettungsgerät iPad des kalifornischen Computerherstellers Apple. Welche Branche jubelte? Insbesondere die der Zeitungs- und Magazin-Verleger. Künftig würden Print-Inhalte immer mehr digital ausgeliefert und das eingebaute Zahlungssystem biete „enormes Potenzial“, durch Inhalte Einnahmen zu erzielen (so Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Medienunternehmens Axel Springer).
Aber wie steht es nun, 5 Monate nach dem Verkaufsstart, um aktuelle Apps zum Nachrichtenkonsum – nicht nur auf dem iPad? Wie liest es sich damit, welche Apps sind spannend, welche Verlagshäuser haben gute Arbeit geleistet? Oder liegt die Zukunft sowieso in Social News?

Wir haben den mit IT-Journalisten Thomas Reintjes gesprochen.

Breitband: Was ist der neuste Hype im Smartphone-Magazin-Sektor?

Thomas Reintjes: Vergangene Woche hat das Magazin der Süddeutschen Zeitung versucht, sich einen modernen Touch zu verleihen, indem es Zusatzinhalte für Smartphone-Nutzer bot. Auf das iPhone oder Android-Smartphone musste man dazu eine spezielle App laden, ein kleines Programm, das auf die Kamerafunktion des Handys zugreift. Dann konnte man die Kamera auf die Print-Ausgabe des SZ.Magazins richten und auf einigen Seiten sah man dann im Smartphone-Display einige Gimmicks, beispielsweise wurden Sprechblasen in Fotos eingeblendet. Die Macher wollten damit zeigen, was mit der Technik so möglich ist – ob und wie man das sinnvoll und dauerhaft nutzen kann, ist mir bis jetzt aber noch nicht so klar geworden.

Breitband: Ein wichtiges Merkmal von Smartphones ist, dass sie einen Internetzugang haben. Es sollte also kein Problem sein, mit einem Smartphone Online-Medien wie Spiegel Online, Zeit Online oder Bunte.de zu konsumieren. Trotzdem bieten viele Medien Apps an, um ihre Inhalte auf Smartphones zu bringen. Warum Apps und nicht die Website im Browser?

Thomas Reintjes: Berechtigte Frage, zumal sich Websites für Mobilbrowser optimieren lassen. Aber Apps bieten durchaus Vorteile – für Verlage und für die Leser.

Breitband: Okay, dann die Leser zuerst: Wie liest sich denn eine Zeitschrift in einer App?

Thomas Reintjes: In vielen Fällen ganz komfortabel. Weil die Apps sich gut an die Smartphone-Umgebung anpassen lassen – besser als eine Website. Die Bedienung passt also zur Smartphone-Welt, beispielsweise ist es üblich, die Wischgeste zum Blättern durch eine Bildergalerie in die Apps einzubauen. Das sind Dinge, die sind im Internet schwieriger umzusetzen und in einem starren PDF gar nicht möglich. Das wäre ja eine weitere Möglichkeit: Einfach eine PDF-Datei aufs Smartphone zu laden. Das ist etwas, was Tageszeitungen anbieten, beispielsweise die Welt kompakt.

Breitband: Also kann man sagen: Wer regelmäßig unterwegs ein bestimmtes Medium liest, für den lohnen sich die Apps?

Thomas Reintjes: Ausprobieren kostet in den meisten Fällen ohnehin nichts. Aber dabei wird man auch feststellen, dass die Apps auch Nachteile haben. Ich finde es zum Beispiel störend, dass ich nicht auf einen Blick sehen kann, welche Artikel ich schon gelesen habe. Man kann meist keine Texte kopieren, nichts zu seinen normalen Bookmarks oder Lesezeichen hinzufügen. Nur manche Apps erlauben es, Artikel per Mail zu verschicken. Wer also die Informationen nicht nur aufnehmen, sondern auch speichern oder anderweitig nutzen möchte, der ist mit den Websites besser bedient – zumal viele Apps ohnehin gar nicht auf die Zeitschrifteninhalte zugreifen, sondern nur auf die Inhalte der Online-Auftritte. Dass die Printtitel vernünftig in Smartphone-Apps einfließen ist bisher die Ausnahme.

Breitband: Aber soll eine große Chance sein, so die Verlage – Wenn auch nicht unbedingt auf Smartphones, sondern auf Tablet-Computern wie dem iPad, oder?

Thomas Reintjes: Mit dem iPad hat Steve Jobs der Verlagsbranche anscheinend ein wenig den Mund wässrig gemacht. Apple eröffnet einen digitalen Vertriebsweg, bei dem die Menschen bereit sind und es gewohnt sind, Geld auszugeben. Verlage verlangen für die digitalen Ausgaben in der Regel genauso viel, wie für Print-Ausgaben. Damit ich als Kunde auf dieses Geschäft eingehe, muss der Verlag mir etwas bieten, was mich von Print zu Digital wechseln lässt. Und da bieten die Tablets große Möglichkeiten.

Breitband: Wegen der Größe des Displays?

Thomas Reintjes: Der größere Bildschirm erlaubt echtes und angereichertes Zeitschriften-Erlebnis. Auf dem Smartphone ist oft nur Platz für den reinen Text. Auf dem Tablet-Display ist auch Platz für Gestaltung. Das amerikanische Magazin Wired ist da ein gutes Beispiel. In deren iPad-Ausgabe ist jede Seite individuell gestaltet. Das macht Spaß zu lesen. Hinzu kommt die Möglichkeit der Interaktion und Videos. Dafür gibt man dann gerne drei Euro pro Ausgabe aus.

Breitband: Was glauben Sie – wird es dabei bleiben, dass jede Zeitung und Zeitschrift ihre eigen App herausbringt?

Thomas Reintjes: Zumindest bei Apple gibt es noch einen zweiten Vertriebsweg: Den iBook Store für elektronische Bücher und Zeitschriften. Für Tageszeitungen eignet sich der allerdings nicht. Die taz musste ihr Angebot dort wieder herausnehmen, weil es zu lange dauert, bis Apple eingereichte Ausgaben für die Kunden zum Download bereitstellte.
Und es gibt weitere Alternativen. Vor ein paar Wochen hat die App Flipboard die Verlagsbranche auch in Deutschland aufgeschreckt. Flipboard
ist ein Programm fürs iPad, das dem Nutzer ein individuelles, schön gestaltetes Magazin zusammenstellt. Dazu wertet es die Links zu Artikeln aus, die Freunde und Bekannte des Nutzers twittern oder bei Facebook verbreiten. Aus diesen persönlichen Empfehlungen entsteht dann das Flipboard-Magazin. In der App selbst werden die Inhalte aber nur angerissen und dann zu den vollständigen Artikeln auf den Websites der Online-Medien verlinkt.

Breitband: Gibt es das alles nur für die Apple-Welt?

Thomas Reintjes: Was Smartphones angeht, schätzen Analysten, dass Android-Handys schon bald einen größeren Marktanteil haben als das iPhone – dann wird es auch bei den verfügbaren Apps keine großen Unterschiede mehr geben. Bei den Tablets ist Apple vorgeprescht und steht im Moment fast konkurrenzlos da. Das wird sich spätestens mit der Internationalen Funkausstellung in Berlin und dem folgenden Weihnachtsgeschäft ändern. Zum Beispiel präsentiert Samsung in Berlin sein Android-Tablet. Und das Berliner Unternehmen Neofonie will bald gemeinsam mit Medion sein WeTab auf den Markt bringen. Dann wird sich zeigen, wie gut man auf diesen Geräten tatsächlich Zeitschriften lesen kann.

Bild: quintanomedia @ flickr / CC-BY