• 3. Oktober 2015 11:10
  • Off-Air
  • » Kommentieren

Warum wir „Writers Rooms“ für Dokuserien brauchen


Wahrheit verändert sich mit jeder Geschichte, die darüber erzählt wird.

Khaled Bahray wird an einem Januartag tot im Innenhof einer Wohnsiedlung in Dresden-Leubnitz gefunden. Es ist der Montagabend nach den Anschlägen in Frankreich. Ein Montag, an dem die Pegida-Demonstranten in Dresden mehr Zulauf denn je hatten. Der eritreische Flüchtling wurde ermordet. In der fremdenfeindlich aufgeladenen Stimmung geht man zunächst von einer rassistisch motivierten Tat aus. Doch der Fall nimmt eine andere Wendung. Hassan, ein Mitbewohner des Toten, hat gestanden, Khaled im Streit um Schmutzwäsche getötet zu haben. Das sind die veröffentlichten Fakten. Und an dieser Stelle endet normalerweise ein Bericht. Gleichzeitig ist es der Punkt, an dem die Autorin Jenni Roth ihre Recherche beginnt, auf Ungereimtheiten und Instrumentalisierungen des Falles stößt und beschließt, darüber zu berichten.

Für das Deutschlandradio Kultur habe ich an einer Serie gearbeitet: “Mehr als ein Mord” ist die Dokumentation einer Recherche. Acht Folgen, die ersten vier wurden vor Prozessbeginn im August gesendet, danach haben wir dessen Verlauf begleitet.

Doch wie erzählt man eine Geschichte, noch dazu in serieller Form, wenn sich die Protagonisten eines laufenden Verfahrens nicht äußern dürfen, man weder an Akten noch an Gutachten kommt und die Realität ständig neue Fakten schafft? Am Anfang gehen wir noch systematisch vor, versuchen Figuren aufzubauen, erstellen Mindmaps, um Beziehungsgeflechte sichtbar zu machen. Konstruieren für jede Folge Cliffhanger und Zeitachsen. Doch die Parallelität des Strafverfahrens überrollt uns, die Prozesstage selbst bleiben so gut wie nicht planbar. Man verliert völlig die Kontrolle über die Erzählung und muss die Dramaturgie in Echtzeit anpassen.

Die Autorin fährt fast jede Woche nach Dresden und versucht an eritreische Flüchtlinge oder zuständige Sozialarbeiter heranzukommen. Um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, ist die Zeit zu knapp, die nächste Folge drängt bereits. Aber auch unabhängig davon, ist die Angst der Eritreer groß, in irgendeiner Art aufzufallen, sichtbar zu werden. Klare Worte, verlässliche Kontakte? Fehlanzeige. Versprochene Rückrufe finden nie statt, auch die zuständigen deutschen Behörden mauern. In diesem emotional aufgeladenen Fall dürfen kaum persönliche Worte fallen. Jeder agiert nur aus seiner Rolle heraus. Am Ende der Woche fragen wir uns stets: Wie viele Sackgassen erträgt eine Geschichte? Interessiert das jemanden?

Längst ging es nicht mehr um die Frage, ob Hassan wirklich der Täter war. Wenn dann auch die Figur der Erzählerin nicht allein trägt, bleibt nur die Methode, Distanz bewusst einzusetzen. Zum Beispiel, indem man vertraute Akteure des Prozesses wieder fremd werden lässt, um darunter liegende Mechanismen herauszuarbeiten. Der gesamte methodische Baukasten für fiktionale Serien ist bei Dokuserien eben nur bedingt zu gebrauchen. Auch ein eigener Erzähl-Rhythmus kann erst während Produktion gefunden werden. Der Regisseur der Serie, Giuseppe Maio :

“Selbst die Erzählstimme verändert sich noch von Folge zu Folge. Man hat ja immer alles schon erlebt, aber das Undenkbare kommt dann eben noch hinzu. Nichts an einem fertigen Skript muss so bleiben, die Autorin selbst sitzt ja am Mikrofon und nur am Mikrofon zeigt sich, was ein guter Radiotext ist und was nicht.”

Bei allen Gedanken um die Dramaturgie drängt sich – wie beim Podcast-Phänomen “Serial” – die Frage auf, welche Verantwortung trägt man für die Konsequenzen seiner Geschichten? Nicht nur für die recherchierten Fakten, sondern auch für das Verzerren, Biegen in eine Form, die eine Geschichte erzählen soll. Überraschend ruft die Verteidigung einen Freund des Opfers als neuen Zeugen auf. Und zwar nachdem sie unseren Podcast gehört hat. Auf einmal werden wir vom Beobachter zum Akteur. Und wieder zum Beobachter. Die Grenze zwischen Storytelling und Storymaking wird fließend. Das zeigt sich auch beim Abhören der Prozess-Folgen. Weil wir vor Gericht keine Aufnahmen machen durften, haben wir die Szenen im originalen Wortlaut von Schauspielern nachstellen lassen. Authentische Aussagen vor Gericht bekommen so die Anmutung eines Kriminalhörspiels. An dieser Grenze zur “Fiktionalisierung von Fakten” bewegen sich auch andere Macher von Echtzeit-Dokumentationen. Doch ein Unbehagen blieb.

Die ach so gepriesenen ideologischen Säulen des Journalismus Wahrheit, Neutralität und Objektivität sind und waren immer nur als Form einer Annäherung zu begreifen. Man stellt sich Fragen, analysiert Fakten. Und muss dennoch an einer Stelle einen Schlussstrich ziehen. Nur kommt er bei investigativen Formaten später als im Alltagsbetrieb. Was man aber bei einer immer größer werdenden Auflösung erreicht, ist im Idealfall ein Kommentar zum (juristischen) System selbst.

Bill Keller, Gründer von „The Marshall Project„, einer Nonprofit-Nachrichten-Organisation, die sich ausschließlich der Berichterstattung über Justizfälle verschrieben hat, benennt zwei Motivationen, derlei Stücke zu produzieren: Mängel im System aufdecken (The Marshall Project) oder einfach nur Hörer zu fesseln (Serial). Beide seien legitim.

Ob beides gleichzeitig gelingen kann, ist auch in unserem Experiment nicht ganz klar geworden.

Etwas Vergleichbares wie das “Marshall Project” gibt es hierzulande nicht. Und noch etwas haben die Medienhäuser, Verlage wie öffentlich-rechtliche Anstalten, trotz ihrer neuen Lust an Recherche-Teams bisher versäumt: Erzähl-Labore zu gründen. In denen ausgelotet wird, wie es überhaupt gelingen kann, dass politisch relevante, journalistische Formate und künstlerische Zugänge eine Symbiose eingehen.

Komplexe Justizfälle gibt es genug. Neue Arten, sie zu erzählen, noch nicht.

 

Jana Wuttke mit großem Dank an Jenni Roth, Giuseppe Maio, Margarete Wohlan, Alexander Brennecke (stellvertretend für die Technik) und Jule Eikmann, die den Text hier erst möglich gemacht hat.

 

 

Kommentieren