• 29. März 2014 12:03
  • Besprechung, Sendung vom 29.03.2014

Von der Kunst, zerstreut zu sein

Zerstreuung im Wandel der Kulturen


> MP3-DOWNLOAD

Wenn von den angeblich bedrohlichen Auswirkungen durch Massenmedien, Digitalisierung und Internet die Rede ist, dann geht es oft  um die fehlende Balance zwischen Aufmerksamkeit und Zerstreuung. Die Flut an unterschiedlichen Informationen, die auf uns einstürmen, die Hyperlink-Struktur, die uns schnell von einem zum nächsten klicken lässt, zerstöre unsere Fähigkeit, aufmerksam zu sein, heißt es dann, und bald könne niemand mehr längere Texte lesen. Wir werden immer zerstreuter.

Aber ist Zerstreuung wirklich nur das Gegenteil von Aufmerksamkeit und Konzentration? Ein Übel, das es zu bekämpfen gilt? Die Medienwissenschaftlerin Petra Löffler hat ein Buch zum Thema veröffentlicht und zeigt: Schon um 1800 herum entwickelte sich ein Denken, das Zerstreuung nicht einfach als Gegenteil der Aufmerksamkeit begriff, sondern neu definierte: als „verteilte Aufmerksamkeit“, also als die Fähigkeit unserer Wahrnehmung, uns in rascher Folge oder gleichzeitig verschiedenen Gegenständen zuzuwenden. Außerdem bekommt die Zerstreuung als Erholung von anstrengender Arbeit im Industriezeitalter eine positive Bedeutung. Ein Stand der Erkenntnis, hinter den unsere Talkshowdebatten meist weit zurückfallen.

Christian Möller stellt das Buch vor.

Foto: CC flickr von Rupert Ganzer