• 23. Juli 2011 14:07
  • Netztheorie, Portrait, Sendung von 23.07.2011

Vom Medium als Botschaft

100 Jahre Marshall McLuhan


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“Im Jahr 1980 gab ein Freund mir ein Buch. Es war aus einer Bibliothek und ich habe es nie zurückgegeben. Diese Schuld trage ich mit mir.”

Dieses Geständnis formulierte der Schriftsteller und Journalist Peter Glaser am Donnerstag in der Berliner Zeitung. Das Buch, um das es geht heißt “Die magischen Kanäle” des Medientheoretikers Marshal McLuhan. Wenn man dieses Buch ließt, so Glaser, wird der Himmel höher, die Welt weiter und man selbst wird: mehr.

Viel Lob für einen Mann, der scheinbar in die Zukunft blicken konnte und auch das Internet prophezeite. Am 21.07.2011 wäre Marshal McLuhan 100 Jahre geworden. Philipp Albers über den wahrscheinlich ersten Menschen mit Netzzugang, lange bevor es das Internet gab.

SKRIPT

Sprecher
Der Mensch lebt in und mit den Medien. Wir sind immer schon in mediale Konfigurationen verstrickt, die unserem Denken, unserer Sinneswahrnehmung, unserem Sprechen und unserem soziales Handeln vorgängig sind und sie auf ihre je eigene Weise strukturieren. Der Kanadier Herbert Marshall McLuhan war der erste, der diesen Sachverhalt formulierte und wurde damit zum Begründer der Medientheorie. Seinen Medienbegriff erläutert der Medienphilosoph Lorenz Engell so:

O-Ton Lorenz Engell
Diese Medien sind für McLuhan alle Erweiterungen des menschlichen Körpers. Mithilfe seiner Werkzeuge erweitert der Mensch seinen Wirkungskreis. Er kann weiter greifen, er kann schneller sich bewegen, er kann entferntere Ziele ins Auge fassen, er kann mit der Zeit anders, also nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit, zum Beispiel beim Film, sich anders bewegen. Das sind alles für ihn Medien. Und je weiter der Mensch nun sich ausweitet, mithilfe dieser Werkzeuge, in die Welt hinein, desto schwieriger wird es für ihn, das alles zusammenzuhalten.

Sprecher
Doch McLuhan selbst war kein Theoretiker, der ein schlüssiges, systematisches Gedankengebäude errichtete. Stattdessen surfte er durch die unterschiedlichsten Denkstile und intellektuellen Traditionen, bediente sich gleichermaßen in der Hochkultur wie der Popkultur. Und er besaß die unnachahmliche Gabe, das alles auf griffige Slogans und Pointen einzudampfen. Seine Vorträge, Fernseh-Interviews und Bücher strotzen vor Aphorismen, Wortspielen und Erkenntnissplittern, die zwischen erratisch und genial oszillieren. Einige haben sich unauslöschlich ins popkulturelle Gedächtnis der Gegenwart eingebrannt: “Das Medium ist die Botschaft”, “The Medium ist the Massage”, “Die magischen Kanäle”, “Die Gutenberg-Galaxis”, “das globale Dorf”. Nicht nur der Inhalt seiner Bücher, sondern auch die Form von McLuhans Denken waren in den Sechziger Jahren für einen Akademiker unerhört.

O-Ton Siegert (Dauer 0:28; Zeitreisen 2:46-3:14)
Diese Bücher sind nicht einfach geschrieben, sondern diese Bücher sind selbst Aktionen. Das sind Ereignisse. Und treten auch als solche auf. Das hat viele seiner Literaturwissenschaftler-Kollegen enorm gegen ihn aufgebracht. Also einmal der extrem bedenkenlose Stil, in dem das geschrieben worden ist. Ein Stil, der kaum auf wissenschaftliche Standards Rücksicht nimmt.

Sprecher
Sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Siegert, der gemeinsam mit Lorenz Engell das internationale Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität Weimar leitet.

Kein Wunder, dass McLuhan in der Ära der counter culture und des beginnenden Pop, als Werbung plötzlich cool und kreativ wurde, zum ersten intellektuellen Popstar aufstieg, dessen Theorie-Fragmente Gesprächsstoff auf Cocktail-Partys waren und der hochdotiert vor Marketingfachleuten sprach.

Die elektronische Massenkultur – McLuhan meinte damit vor allem Fernsehen und Radio – beendet das Zeitalter des Buchdrucks und damit der Individualität. Sie katapultiert uns zurück in die Intensität oraler Stammeskulturen. Mit dem Unterschied, dass die neuen Medien einen globalen Echoraum schaffen, der die gesamte Menschheit am medialen Lagerfeuer zusammenrücken lässt.

O-Ton Siegert (Dauer: 0:40)
Einer seiner berühmten Sätze in „The Medium is the Massage“ lautet mit den Beatles „The Inside is out and the outside is in“. Das Zentralnervensystem hat sich um die ganze Welt herumgestülpt, und damit haben wir einen taktilen Kontakt mit allem, was auf der Welt vonstatten geht. In dem Sinn also, in dem sich unser Zentralnervensystem um die ganze Welt herumstülpt, wird die ganze Welt ein Dorf. Sie kontraktiert sich also auf die Dimensionen einer oralen, taktilen Stammeskultur.

Sprecher
Auch wenn es zu seiner Zeit noch nicht existierte, wurde McLuhan in der Rückschau zu einem Propheten des Internet stilisiert. 1962 schrieb er:

Zitat Marshall McLuhan
Das nächste Medium, was immer es ist – vielleicht eine Ausweitung unseres Bewusstseins –, wird das Fernsehen als Inhalt mit einbeziehen, nicht als dessen bloßes Umfeld, und es in eine Kunstform verwandeln. Der Computer als Forschungs- und Kommunikationsinstrument könnte die Recherche von Information steigern, die Zentralbibliotheken in ihrer bestehenden Form überflüssig machen, die enzyklopädische Funktion des Individuums wiederherstellen und in einen privaten Anschluss umkehren über den individuell zugeschnittene Informationen sofort und für Geld abgerufen werden können.

McLuhan war dem Zeitgeist immer ein paar Schritte voraus und verstieg sich in seinem assoziativen Denkstil gerne zu riskanten Thesen. “Was, wenn er recht hat?” überschrieb Ende der Sechziger Tom Wolfe ironisch sein Portrait des nerdigen Professors, der zum vielbefragten Orakel des elektronischen Zeitalters geworden war. Auch wenn McLuhan, der heute hundert Jahre alt geworden wäre, in vielem daneben lag, haben seine Sondierungen einer vollständig von Medien durchdrungenen Wirklichkeit wenig von ihrer provokativen Faszination verloren.

Bild: bhlogiston @ flickr CC-BY-ND