• 11. Oktober 2007 11:10
  • Sendung vom 13.10.2007, Topic

„Vom Einhundertsten ins Tausendste“ – Moderne Wissensaneignung


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Beitrag von Natalie Böneke 

Manuskript:
Der Zugriff auf Wissen im World Wide Web erfolgt immer schneller, die Informationsflut wird immer größer und der Mensch passt sich an. Mit Multitasking, jener Arbeitsweise am Rechner, bei der mehrere Fenster, Tabs oder Programme gleichzeitig geöffnet sind. Ständige Verfügbarkeit von Informationen und synchrones Erfassen – wie facettenreich dieses Zusammenspiel sein kann, hat eine Ausstellung in Berlin gezeigt. Barbara Lauterbach von der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst.
Entsprechend verführt ist man natürlich auch, ständig online zu sein, es gibt ja auch keine Notwendigkeit mehr, offline zu gehen, sprich, man hat im Prinzip ständig alle Möglichkeiten, alle Informationsmöglichkeiten parat und muss jetzt eine Auswahl treffen und ich glaube, das überfordert schon viele Menschen, weil man ja sich wirklich Pfade durch den Informationsdschungel durchsuchen muss.
Und google ist eine oft genutzte Möglichkeit, eine andere die Wikipedia.
Rund 5.300.000 Artikel in über 100 Sprachen fasst diese Enzyklopädie derzeit. Ihre Hypertextstruktur verlockt zum Surfen und wer was wissen will, klickt sich vom Einhundertsten ins Tausendste. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann.
Wir gehen nicht mehr kausal linear vor, wir versuchen uns nicht mehr einen Text aus einer Binnenstruktur zu erschließen, sondern wir gehen eher assoziativ vor; wir sampeln etwa viel mehr, wir arbeiten viel mehr nach dem Prinzip Collage/ Montage; Wissenstücke, Texte, Bilder, alles was wir im Internet finden, gruppieren wir neu um, ordnen es sozusagen bei, wir gehen nicht mehr tatsächlich im klassischen Sinne der Hermeneutik erschließend verstehen vor, einfach auch  deshalb, weil dieses neue Medium gerade diese Art und Weise, ein Problem assoziierend zu umkreisen, natürlich sehr sehr  unterstützt.
Informationsschnipsel reihen sich hier an- und übereinander und mit zunehmender Geschwindigkeit wird Multitasking zur neuen kulturellen Praxis.
Data Diaries – Datentagebücher – so nennt der New Yorker Künstler Cory Arcangel auf seiner Website die sicht- und hörbar gemachten Rechenprozesse seines Computers. Einen nostalgischen Blick auf vergangene Tage wirft das virtuelle Gedächtnis jedoch nicht. Vielmehr erinnern die flirrenden Pixel an die – fast schon lebendig wirkende – wirre Masse aus Daten- und Informationen, die uns täglich im Internet begegnet.
Verdichtetes Wissen, das erfasst werden will, am Besten so schnell und effizient wie möglich. Welche Folgen diese Dynamik für den Menschen hat, untersuchen Hirnforscher schon seit einigen Jahren. Ob schizoides Denken oder erfolgreiches Kombinieren – ausschlaggebend sei vor allem die frühe Prägung des Gehirns.
Für Kids, die mit Computerspielen und all den Möglichkeiten der Informationsbeschaffung aufgewachsen sind, für die wird es nicht so das Problem darstellen zu multitasken, weil die einfach auch gelernt haben, allein die Technik schneller zu bedienen, als es jemand getan hat, der noch mit einer Telefonwählscheibe aufgewachsen ist.
Mit dem Phänomen der Plastizität des Gehirns hat sich der Künstler und Wissenschaftler Warren Neidich auseinander gesetzt. Seine These in diesem Zusammenhang: Kinder mit der Modekrankheit ADS, dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, sind die Erfolgsmenschen der Zukunft.
Weil die eben genau diese Fähigkeiten mit sich bringen, um sich blitzschnell im Informationsdschungel durch zu bewegen, weil ihre Aufmerksamkeitsspanne sowieso so kurz ist, dass das eigentlich , ja, den Weg durch die Information noch optimiert.
Mit dem Erlernen von Wissen haben diese Kinder jedoch ziemliche Schwierigkeiten. Als wichtige Orientierungshilfen brauchen sie dabei Kreativität und Intuition. Auch die Informationsgesellschaft der Gegenwart kommt ohne solche Fähigkeiten nicht weit im Internet.
Also ich denke wir leben noch in keiner Wissensgesellschaft, weil das, was uns als Wissen entgegen tritt und was wir in hohem Maße jetzt kommunizieren, was wir konsumieren, mit dem wir arbeiten, hat schon sehr viel, würde ich sagen, eher mit Information zu tun, im Sinne, wir nehmen an Oberflächen etwas zur Kenntnis.
Vom virtuellen Wissen bleibt nach dem Durchforsten der Datenquellen oftmals also doch nur noch eines übrig: das Grundrauschen.