• 17. Januar 2009 11:01
  • Besprechung, Sendung vom 17.01.2009

Unter Eingeborenen – Die Lebenswelt der „digital natives“


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John Palfrey und Urs Gasser vom Berkman Center for Internet & Society interessieren sich in erster Linie für diejenigen Menschen, die nach 1980 und damit „direkt in das digitale Zeitalter hineingeboren“ wurden. Ihrer Meinung nach haben die Angehörigen dieser „Generation Internet“ allerdings Sitten und Gebräuche entwickelt, die sie von ihren Mitmenschen grundlegend unterscheiden. „Diese Kids sind anders“, behaupten die beiden Autoren im Vorwort ihres Buches, und zwar so „anders“, dass man sie mit dem Vokabular der Ethnologie beschreiben muss: als „digital natives“, als einheimische Bevölkerung eines fremden, fernen Landes namens Internet.  

Palfrey und Gasser sind unter die Eingeborenen gegangen. Der amerikanische Jurist und sein Schweizer Kollege haben mit „digital natives“ auf der ganzen Welt gesprochen, um herauszufinden „wie sie leben, was sie denken, wie sie arbeiten“. Diese Interviews haben sie zu einem 400 Seiten schweren Buch verdichtet, das auf den ersten Blick wie eine enzyklopädische Bestandsaufnahme des Web-2.0-Diskurses wirkt. Das detaillierte Register von „Generation Internet“ reicht von „Avatar“ und „Bewegungsprofil“ über „Identitätsdiebstahl“ und „Mobbing“ bis zu „Xanga“, „YouTube“ und „Mark Zuckerberg“, während die Kapitelüberschriften auf die großen Fragen verweisen: „Privatsphäre“ und „Kreativität“, „Sicherheit“  und „Lernen“, dazu gibt es zahllose Hinweise auf relevante Aufsätze und Monographien.    

Doch das hier ist mehr als eine akademische Fleißarbeit. „Generation Internet“ enthält eine eindringliche Warnung vor den Folgen der Kluft, die die „digital natives“ vom Rest der Welt trennt und die sich durch sämtliche gesellschaftlichen Teilsystemen zieht: In der Politik stehen den Ansprüche der Blogger derzeit zwei Dutzend Staaten mit scharfer Internet-Zensur gegenüber, im Bereich der Wirtschaft treffen fest gefügte Unternehmensstrukturen auf einen neuen Typ Angestellten, der mit dem „Ipod im Ohr zum Vorstellungsgespräch“ kommt und den Großteil der Arbeitszeit auf seinen Chat-Client und die Pflege seiner Online-Bekanntschaften verwendet, während den Lehrern, die ihren Schülern eigentlich die viel beschworene „Medienkompetenz“ vermitteln sollen, als bloßen „digitalen Immigranten“ dafür schlicht das nötige Erfahrungswissen fehlt.

Richtig spannend wird es allerdings erst, wenn es an die Details geht. John Palfrey und Urs Gasser sind von Haus aus Juristen. Konkreten Vorschläge, wie die „digitale Kluft“ überwunden werden kann, beziehen sich darum vor allem auf die Sphäre des Rechts. Am Beispiel der Tauschbörsen zeigen die beiden Autoren, dass die Gesetzgeber in Amerika und Europa dem technischen Fortschritt nicht nur hinterherhinken, sondern bereits abgehängt worden ist. Ein Großteil der „digital natives“ hat nämlich trotz der Abschreckungsmaßnahmen der Unterhaltungsindustrie nichts dabei, sich weiterhin Musik und Filme zum Nulltarif zu verschaffen. Die „soziale Norm“ des Filesharing hat die die geltenden Bestimmungen des Urheberrecht offenbar längst überagert – und Palfrey und Gasser plädieren vehement dafür, endlich die Gesetze an die neue Wirklichkeit anzupassen und den Upload eines Hollywood-Blockbusters in Zukunft nicht dem Diebstahl eines Kleinwagens gleichzustellen.

Das sind ausgesprochen deutliche Worte, vor allem wenn sie aus dem Umfeld der renommierten Harvard Law School kommen. Das wahre Ausmaß der bevorstehenden Veränderungen deuten sie allerdings nur an. Die Technik hat ihre Revolutionen hinter sich. Jetzt muss der Rest der Welt sich ändern. 
Rezensiert von Kolja Mensing
 
John Palfrey, Urs Gasser:
„Generation Internet. Die Digital Natives: Wie sie leben, was sie denken, wie sie arbeiten“
Aus dem Amerikanischen von Franka Reinhart und Violeta Topalova
Hanser, München 2008