• 8. Juni 2013 10:06
  • Sendung vom 08.06.2013, Topic

Lieber eine Kochshow

Wieso die Presse in der Türkei so wenig über die Proteste berichtet


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Seit Tagen richten sich die Blicke internationaler Medien auf die Proteste in der Türkei. Die Facebook- und Twitter-Feeds sind voll von Berichten, Fotos und Dokumentationen von den Protesten und Demonstrationen in Istanbul, Ankara und anderen Städten in der Türkei. Ganz anders sieht es vor Ort aus: Die großen türkischen Medien kümmerten sich lieber um Pinguine und um Kochshows statt die anwachsenden Proteste. Wie kommt das? Zensiert der Staat, wieso schweigen die türkischen Medien so beharrlich? Welche Rolle spielt das Netz?

Um die Pressefreiheit steht es in der Türkei nicht gut – Reporter ohne Grenzen platziert das Land auf Platz 154 von 179 Ländern, berichtet Silke Hahne. Eines der großen Probleme ist die Abhängigkeit der Medienwirtschaft von der Politik, die zu Selbstzensur führt – weil sich die Medien ihre staatlichen Auftraggeber nicht verschrecken wollen. Und auch die autoritäre Gesetzeslage fördert die Meinungsfreiheit nicht. Etwa 70 bis 80 Journalisten sitzen in Haft und die Zahl dürfte weiter steigen. Mittlerweile sind auch einige Twitterer ins Visier der Behörden geraten.

Auch für den Kommunikationswissenschaftler Özgür Uçkan sind der harte Umgang mit Journalisten und die ökonomische Abhängigkeit der Medien die Gründe für die mangelnde Berichterstattung: „Die Medien sind dadurch korrumpiert und zensieren sich selbst.“

Einige Zeitungen, alternative Fernsehsender und die Bürgerinnen und Bürger selbst erproben neue Formen des Journalismus. Mit einfachen Mitteln wie Smartphones und den sozialen Netzwerken wie Twitter produzieren und verbreiten sie die Nachrichten. Manch einer erkennt dadurch, wie stark die bisherige Nachrichtenlage durch die Medien bestimmt, ja verzerrt wurde:

„Die Gesellschaft sieht: Wir haben kein funktionierendes Mediensystem, die Mainstream-Medien lügen und sind nicht unabhängig.“

Inzwischen nutzen junge Menschen das Internet besser als die Polizei, sagt Uçkan:

„Nach der Verhaftung der Twitter-Nutzer waren Worte wie Anonymität, Encryption oder Virtual Private Network auf einmal verbreitet, und nach zwei Tagen gab es eine starken Anstieg der Nutzung solcher Technologien. Die jungen Menschen hatten es sofort verstanden.“

Aber welche Bilder zu den türkischen Protesten sind echt, welche Propaganda? Matthias Finger erklärt, wie BBC und ARD die Inhalte sozialer Netzwerke zur Quelle zurück verfolgen – um ihre Echtheit zu prüfen. Eine aufwändige Arbeit: Anonyme Kontaktleute werden ausfindig gemacht, Schatten im Bild werden mit der angeblichen Aufnahmeuhrzeit verglichen, Autokennzeichen gecheckt, Straßenzüge mit Googlemaps überprüft – teilweise sogar Amnesty International und ärztlicher Rat hinzugezogen, oder ein Tool wie Veryfied, das Bildbearbeitung erkennt. Ein Indizienhaufen, bei dem man nie ganz sicher sein kann.

Mittlerweile spricht die schiere Masse der Aufnahmen aus der Türkei für sich. Sie bildet das Gerüst der Wahrheit: Ein Bild kann man manipulieren, aber nicht Tausende, wie sie binnen kürzester Zeit aus der Türkei in alle Welt gelangen.

Bild: Screenshot von HaberTürk – nach Protesten wird dort nun über die Lage berichtet.