• 19. Januar 2013 14:01
  • Besprechung, Sendung vom 19.01.2013

Tod eines Netzaktivisten

Die Reaktion im Netz auf den Suizid des Hackers Aaron Swartz


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Die traurige Nachricht kam vor einer Woche: Der Hacker und Netzaktivist Aaron Swartz hat sich mit 26 Jahren das Leben genommen. Die Welle von Nachrufen im Netz ebbt nur langsam ab. Wer war Aaron Swartz, und was bedeutet sein Tod? Philip Banse berichtet von dem hackenden Wunderkind und späteren Netzaktivisten, dem für das Hacken einer Datenbank wissenschaftlicher Artikel eine jahrzehntelange Gefängnisstrafe drohte.

Schon als Kind widmete sich Aaron Swartz dem freien Fluss von Information und Wissen. Mit 14 Jahren schrieb er am RSS-Standard mit, heute die allgegenwärtige Technik, um Inhalte im Netz zu abonnieren. Swartz baute Creative Commons mit aus, ein Lizengerüst, das das Teilen von Wissen auf ein legales Fundament stellte. Er gründete eine Firma, die in Reddit aufging, einer nutzergenerierten Nachrichtenseite.

Mit dem Geld aus dem Reddit-Verkauf wurde Swartz zu einem, wie der Autor und Aktivist Cory Doctorow schreibt, „kompromisslosen, unbekümmerten und entzückendem Vollzeit-Unruhestifter.“ 2010 verschaffte er sich Zugang zu einem Computerraum des MIT und lud insgesamt 4,8 Millionen wissenschaftliche Artikel vom Anbieter JSTOR herunter, der für diese Artikel Gebühren verlangt – ein Unding, sagte Swartz mal vor Studierenden:

„Diese Gebühren sind erheblich, so dass Menschen in Indien ausgeschlossen sind. Diese Artikel gehen bis zurück zur Aufklärung, das ist ein Erbe, dass uns allen gehören sollte. Stattdessen ist es weggeschlossen von privaten Unternehmen, die dann versuchen maximalen Profit mit zu machen.“

Das unverhältnismäßige Vorgehen der Staatsanwätin Ortiz hat eine Welle der Empörung los getreten. Eine Petition verlangt die Absetzung der verantwortlichen Bezirksstaatsanwältin Carmen Ortiz und wurde über 40.000 mal unterzeichnet. Swartz Eltern geben der Staatswanwaltschaft eine Mitschlud am Tod ihres Sohnes. Aaron Swartz hatte in seinem Blog mal geschrieben, er sei depressiv. Ob das stimmt oder nicht – Harvard-Professor Lawrence Lessig sieht den Staat in der Schuld:

„Hier wurde jemand an den Abgrund gedrückt von der Schikanierung durch unsere Regierung.“

Swartz hat die gehackten Artikel nie veröffentlicht und sie JSTOR zurück gegeben und die Firma verzichtete darauf, ihn juristisch zu belangen. Das MIT dagegen zögerte und lässt jetzt untersuchen, ob es Swartz vor der Staatsanwaltschaft in Schutz hätte nehmen müssen. Wäre Swartz beim Prozess im Frühjahr in allen Punkten schuldig gesprochen worden, hätte das bis 35 Jahre Gefängnis bedeutet. Weil er er sich ohne Erlaubnis Zutritt zu den Computerräumen des Technologie-Instituts MIT verschafft und kostenpflichtige Aufsätze herunter geladen hatte?

Danah Boyd, Medien-Professorin in New York, schreibt, bei Swartz sei es nicht um Gerechtigkeit gegangen, sondern um Macht. Hacker wie er hätten in den letzten Jahren immer wieder die Legitimität staatlichen Handelns angzweifelt. An ihm habe der Staat jetzt beweisen wollen, wer stärker ist. Aber Boyd fürchtet nun auch, das Swartz zum Märtyrer der Geek-Szene gemacht wird.

Micah Allen zollte Swartz stattdessen Tribut in der Sache. Der Gehirnforscher forderte Wissenschaftler auf, ihre Artikel gratis als Open Access im Netz zu veröffentlichen. Der zugehörige Twitter-Hashtag #pdftribute dokumentiert die anschwellende Aufsatz-Schwemme.

Liebe Leserinnen und Leser: Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Weitere Informationen und Telefonnummern bietet die Webseite „Suizidprophylaxe„.

Links
Ars Technica
Mashable
Tech Crunch
Boingboing
Electronic Frontier Foundation
New York Times
Gigaom

Foto: Aaron Swartz auf dem 23. Chaos Communication Congress, fotografiert von Jakob Applebaum CC-by-SA, Wikimedia Commons