• 4. Oktober 2007 22:10
  • Besprechung, Sendung vom 06.10.2007

Thomas Hartmann: Schluss mit dem Gewalttabu. Warum Kinder ballern und sich prügeln müssen


Thomas Hartmann, Schluss mit dem Gewalt-Tabu. Warum Kinder ballern und sich prügeln müssen, Eichborn 2007, 267 S., 17,95 EUR
 Rezension von Ralf Müller-Schmid:
Die Amokläufer von Emsdetten und Erfurt spielten „Counterstrike“. Der US-amerikanische „Killologe“ David Grossman hat auf die Ähnlichkeit von Computerspielen mit Konditionierungsmethoden hingewiesen, die die Tötungshemmung von Soldaten im Einsatz herabsetzen sollen. Es scheint, als kämen Wissenschaft und Wirklichkeit selten so passgenau zur Deckung wie im Fall der sogenannten Killerspiele.
In unseren Köpfen hat sich das Bild des typischen Computerspielers festgesetzt: kontaktarme Halbautisten, die ihre neurotischen Frustrationen durch das virtuelles Ballern im First-Person-Shooter  solange kompensieren, bis es zum realen Gewaltausbruch kommt. Und dann ist die Choreographie des Amok schon tausendfach am Bildschirm eingeübt. Politiker fordern deshalb in reflexhafter Regelmäßigkeit ein Verbot, Jugend- und Suchtbeauftragte weisen ebenso reflexhaft auf die drohende Verwahrlosung und Verrohung der Jugendlichen hin.
Der evangelische Theologe und Macwelt-Autor Thomas Hartmann hält dagegen nun ein entschiedenes Plädoyer für einen entspannteren Umgang mit Gewalt in Spielen und mit spielerischer Gewalt. Anhand statistischer Daten kann er plausibel machen, daß das weitverbreitete Cliché von der zunehmenden Jugendgewalt nicht der Wirklichkeit entspricht. Was, so Hartmann, tatsächlich zugenommen hat, ist nicht die Zahl der Gewalttaten sondern die öffentliche Sensibilität; gegen Sensibilität hat auch der Autor wenig einzuwenden, was aber noch in den sechziger Jahren eine zünftige Schulhofklopperei war, die sich mit einem Anpfiff beim Direktor erledigt hatte, gilt heute als meldepflichtiges Delikt, das im Ernstfall den Staatsanwalt beschäftigt.
Die Angst vor einer aus dem Ruder laufenden Jugend, die sich nicht um Sitte und Anstand schert, ist aber viel älter als Computerspiele. Schon in den Nachkriegesjahren war von „modernen Zivilisationsgiften“ die Rede, vor denen es die Jugend zu schützen galt: „Radio, Kino, Fernsehen, Zeitschriften, Massensport(!), oder Alkohol.“
Dabei ignoriert der computerkundige Pastor durchaus nicht die Gefahren, die das stete Einüben virtueller Gewalt für Kinder und Jugendliche haben kann, deren Psyche schon durch familiäre Faktoren labil und oder gar verletzt ist. Am Beispiel der „Killerspiele“ kann er jedoch zeigen, dass ein monokausaler Zusammenhang von Straftaten und Spielkonsum nicht haltbar ist. So stehen etwa der Theorie der herabgesetzten Tötungshemmung durch Ego-Shooter andere Auffassungen gegenüber, die eine kathartische, aggressionsmindernde Wirkung von Videospielen diagnostizieren.
Wichtiger noch ist für Hartmann die allgemeine Einsicht, dass erst durch spielerische Gewalt die Hemmung gegenüber realer Gewalt eingeübt werden kann. Wenn Mütter am Spielplatzrand (oder vor dem Bildschirm) jedoch schon die leichteste Rauferei mit Platzverweis ahnden, wissen die Sprösslinge gar nicht erst, wie sich das anfühlt, was ihnen andauernd verboten wird.
Wer dieses Buch liest, weil er letztgültige wissenschaftliche Aufklärung über die psychischen und sozialen Vorgänge beim Konsum von Gewaltspielen sucht, wird wohl enttäuscht sein. Interessierten Eltern sei dagegen das engagierte Plädoyer für die Unterscheidung von spielerischer und realer Gewalt empfohlen. Sie werden nach der Lektüre dieses Buches den Expertendiskursen über Jugendgewalt und Killerspiele mit einiger Skepsis begegnen. Und sie bekommen auch ein paar gute Tipps für spannende Spiele.