• 23. April 2011 16:04
  • Medienwandel, Netzökonomie, Off-Topic, Sendung vom 23.04.2011

Texten für die Contentfarm

Die Hobby-Schreiber von Textbroker.de


> MP3-DOWNLOAD

Wie undurchdringlich ist das Internet mit seinen Zig-Millionen Seiten geworden? Unternehmen, die ihren Online-Auftritt bei Google, Yahoo und Bing auffindbar machen wollen, brauchen heutzutage kurze, prägnante Info-Artikel mit den richtigen Keywords, um sich ganz nach oben in den Suchergebnissen zu katapultieren. „Content is king“, lautet das Motto im Online-Marketing. Diesen Content kann man für wenig Geld bei unzählige Texter-Marktplätzen in Netz bestellen, wo tausende Hobby-Schreiber auf Aufträge warten. Demand Media aus den USA, ist die wohl bekannteste dieser Plattformen. Suite101, Clickworker oder Textbroker heißen einige deutsche Varianten.
Textbroker ist seit 2005 online und bringt in Deutschland mittlerweile 7.000 Kunden und 35.000 aktive Autoren zusammen. Doch wer sind eigentlich die Schreiberlinge, die Textbroker am Leben halten? Was ist der Grund, für die Text-Fabrik im Internet zu schreiben? Und wie sehen die Hobby-Schreiber ihre Arbeit als Texter? Adalbert Siniawski hat mit zwei Textbroker-Autoren darüber gesprochen.

Geräusch:

Tastatur

O-Ton 1 Sanri

Also, Login, da ist es. Also ich bin jetzt in meinem Autoren-Home. Aufträge suchen. Dann geb’ ich ein, Kategorie. Ich sag jetzt mal, das, was mich interessiert ist Gesundheit…“

Sprecher 1

Hans-Ersan Sanri, Hobby-Autor. Auf der Suche nach Aufträgen bei Textbroker.de.

O-Ton 2 Sanri

Ah, guck’ an! Es geht um Erstattung, wahrscheinlich Erstattungskosten, Krankenkasse. „Anwendung bei einer Zahnzusatzversicherung, Pa-ra-don-titis.“ Ja, vielleicht kann ich darüber schreiben?!

Sprecher 2

Der 55-Jährige Hamburger sitzt in seinem Wohnzimmer an einem kleinen Notebook. Um ihn herum: Ein Regal voller staubiger Langspielplatten und drei schulterhohe CD-Türme. Sanri hat viel ausprobiert: In seiner Freizeit legt er Musik auf. Von Beruf war er früher Autoverkäufer, ist zum Vertriebsleiter aufgestiegen, wurde später Pressesprecher einer Softwarefirma und rief vor wenigen Jahren eine Headhunter-Agentur für Mediziner ins Leben. Nebenbei ist der studierte Psychologe einer von rund 35.000 Autoren bei der Content-Schmiede Textbroker. Denn auch das Schreiben zieht ihn in den Bann.

O-Ton 3 Sanri

Ich wollte gerne in eine große Zeitung. Nur: keiner hat mich erhört. „Haben Sie Volontariat gemacht?“ „Nein.“ „Naja, was wollen Sie dann bei uns?“ Und deswegen finde ich diese Plattform wie Textbroker gut. Die geben auch nicht professionell geschulten Journalisten die Möglichkeit – wenn man denn die Ader zum Schreiben hat – dass man sich da einbringen kann. Wenn mir jetzt ein Medizinjournal anbieten würde: „Werden sie doch Redakteur bei uns“ – auch wenn es nur frei ist, das würde ich sofort machen. Das ist schon mein Traum.“

Sprecher 3

Bei Textbroker will er seinem Traum ein Stück näher kommen. Der Einstieg in die Welt der Texter war einfach: Er hat sich kostenlos registriert, musste seine Wissensgebiete angeben und einen kurzen Probeartikel schreiben. Einer der zehn Editoren bei Textbroker prüfte den Beitrag auf Rechtschreibung, Grammatik und Stil. Dann legte Sanri los mit der Suche nach Themen rund um die Gesundheit – da ist er Spezialist.

O-Ton 4 Sanri

Man muss schon, finde ich, das Ganze so betrachten wie eine professionelle Zeitung. Und da gehört Recherche dazu, da gehört eine gute Schreibe dazu und auch Textformulierung. Wenn man das nebenbei behandelt und sich nicht die Mühe gibt, dann ist die Plattform irgendwann am Ende.

Sprecher 4

Die meisten Auftraggeber sind Firmen, die ihr Online-Marketing mit so genannten suchmaschinenoptimierten Texten, auch SEO genannt, verbessern wollen. Diese Beiträge sind knapp, enthalten möglichst alle wichtigen Schlüsselbegriffe und sind nicht aus anderen Internet-Quellen kopiert – nur so landen sie bei den Suchergebnissen an vorderer Stelle und werden häufiger angeklickt. Das Resultat: wenig Inhalt, viel Spam, lautet die Kritik an den Text-Fabriken im Netz. Textbroker und die Konkurrenten wie Textprovider oder Clickworker bieten Content zu Discountpreisen. Das merkt auch Hobby-Schreiber Sanri, als er die Konditionen des Auftrags liest:

O-Ton 5 Sanri

250 bis 300 Worte, das ist natürlich sehr wenig, ja. Verdienstspanne: 1,75 bis 2 Euro 10. Also ich erwarte nicht, dass sich über Textbroker reich werde, ich hab’ da andere Intentionen. Ich denk’: Was ich jetzt nicht habe an Honorar, hoffe ich, dass ich das irgendwann rauskriege, indem ich bekannter werde, mein Schreibstil ankommt, ich dann mehr Nachfrage erzeuge. Also ich seh’ das als Option für die Zukunft.

Musik

Musik unter O-Ton und wegblenden

Sprecher 5

Mica Wanner hat mehr als 50 Artikel verfasst – Werbetexte für Hotels in Südtirol und Entspannungstipps für ein Gesundheitsportal. Schreiben fällt der 39-Jährigen leicht, nach ein paar Semestern Journalistik-Studium und einem Praktikum im Fernsehen.

O-Ton 6 Wanner

Die Möglichkeit, dass man sagt: „okay, ich hab’ heute nichts zu tun, ich setz’ mich hin, guck’ mal, was es gibt und schreib einfach mal fünf Artikel“, ist prinzipiell gut, weil man einfach flexibel so ein bisschen Geld dazuverdienen KÖNNTE. Aber wenn es dann einfach so wenig Geld ist, dann rentiert es sich für mich nicht – zumal als Selbstständige, wo man noch seine Krankenversicherung selbst zahlen muss. Also: einfach indiskutabel.

Sprecher 6

Die Berlinerin ist bei Textbroker ausgestiegen – 120 Euro für 50 Texte waren die Mühe nicht wert. Mittlerweile verdient sie ihr Geld hauptsächlich mit Jazz-Gesang.

O-Ton 7 Wanner

Ich wollte einfach, dass der Text sich gut liest, dass Information drin ist, so eine Art journalistischer Anspruch im Kleinen, bei diesen kleinen Texten. Aber es war nicht zu realisieren in der Zeit, die man hat, um dann noch ein bisschen was zu verdienen.

Sprecher 7

Bei Textbroker geht es gar nicht um Journalismus, entgegnet Vertriebschef Andreas Wander. Die Plattform will keine hintergründigen Artikel bereitstellen, sondern schnell verfasste Gebrauchstexte für die Internetnutzer.

O-Ton 8 Wander

Die Idee von Textbroker ist eine andere, nämlich dass Autoren in ihrem Fachgebiet kurze, prägnante Texte schreiben. Und die werden eben zu einem sehr sehr hohen Prozentsatz für den Online-Bereich verwendet. Und da erleben wir ein Nutzungsverhalten von Usern, dass Texte eher angelesen werden. Aber im Sinne einer Tageszeitung, in dem Stil, ich nehme mir eine halbe Stunde und lese einen hochwertigen Artikel, der auch sehr gut recherchiert ist – also das ist kein Nutzerverhalten, wie wir es im Internet finden.

Geräusch

Tastatur

Sprecher 8

Hobby-Autor Hans-Ersan Sanri schreckt all das nicht ab. 300 Wörter für 2 Euro 10 – den Text über Zahnzusatzversicherungen lässt er sich nicht entgehen.

O-Ton 9 Sanri

Ich werde mich schlau machen, ich werde mal recherchieren. Naja, und dann hoffe ich mal, dass ich das heute Nachmittag fertig schreiben kann und dann – einfach mal gucken.

Bild: zappowbang @ flickr / CC-BY