• 3. Februar 2009 02:02
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Sensation? Das G1 erscheint in Deutschland


Das Internet auf Mobilgeräten hinkt dem normalen Internet mindestens acht Jahre hinterher, so lautet eine gängige und plausible These. Wo Mitte der 90er-Jahre die Verbindungsgeschwindigkeiten, Leistungsdaten, Informationsangebote und Preise von stationären PCs ein Niveau erreichten, das die breite Bevölkerung „drin“-sein ließ, dürfte 2009 endlich das Jahr des mobilen Internets werden. Internethandys sind so leistungsstark wie PCs vor acht Jahren, auch ihre Surfgeschwindigkeit und Multimedialeistung kann den PC – zumindest unterwegs – locker ersetzen. Die Mobilfunkbetreiber erkennen, dass ihre Milliardeninvestitionen in den Ausbau von schnellen UMTS-Netzen endlich Rendite bringen – und werfen haufenweise Smartphone-Verträge auf den Markt.
Den Trendsetter machte im Sommer 2007 das iPhone der kalifornischen Kult-Firma Apple, es brilliert mit einer leicht bedienbaren und intelligenten Bedienungsoberfläche, führt seinen Benutzer aber an engen Fesseln durchs Netz. Unerwünschte Programme, Formate und Downloads sind tabu. Wer eine andere SIM-Karte als die des von Apple lizensierten Mobilfunkbetreibers benutzen möchte (in Deutschland T-Mobile), muss illegale Hack-Software einspielen, verliert Garantieansprüche und muss damit rechnen, dass das temporär befreite Telefon beim nächsten Fern-Update wieder in den alten Fesseln liegt.

Abhilfe verspricht hier augenscheinlich der neuste iPhone-Konkurrent, das sogenannte Googlephone „G1“. Das vom koreanischen Hersteller HTC und dem Internetgiganten Google hergestellte Gerät kann mindestens genauso viel wie das iPhone, basiert aber auf offene Standards. Seine vom Open-Source Betriebsystem Linux abgeleitete Benutzeroberfläche „Android“ soll das nächste große Ding auf Mobiltelefonen werden. Die Software steht allen Mobilfunkherstellern frei, sie auf ihre eigenen Geräte zu portieren, und zwar kostenlos. Der freizügige Schachzug von Google ist plausibel: Googles Welt-Werbe-Herrschaft soll sich vom stationären Webbrowser in die Hosentaschen ausweiten, dafür braucht es viele Mitspieler. So werden mit dem als offen propagierten, leicht bedienbarem und schicken Android-Betriebsystem auch unabhängige Programmierer aufgefordert, das Kernsystem kostenlos zu verbessern – und ihre eigenen Anwendungsideen für Android zu entwickeln. Open Source eben.

Seit vergangenem Herbst ist das „T-Mobile G1“ in den USA, seit ein paar Monaten auch in Großbritannien verfügbar, am heutigen 2. Februar gelangte es in zahlreichen europäischen Ländern auf den Markt. Einige tausend Applikationen stehen schon im kostenlosen „Android Market“ zum Ausprobieren, Herumspielen und für den seriösen Einsatz bereit.

Doch die Google-Welt ist nicht nur schön und bunt. Auch das G1 nutzt proprietäre, geschlossene, unzugängliche Elemente. Wer sich auf dem offiziellen Weg ein „T-Mobile G1“ kauft, wird vermutlich wenig Chancen haben, die enge Bindung an Google zu lösen. Zwar sind alle geschlossenen Anwendungen, wie der Kartendienst Google Maps oder der Google Calendar extrem leicht und angenehm zu bedienen – doch funkt das Telefon jede Viertelstunde nach Hause und übermittelt – bislang unerforschte – Informationen. Die Entscheidung, ob man lieber Google oder Apple informieren möchte, wo man sich gerade befindet und was man so vor hat, wird für ernsthafte Datenschützer zur Wahl zwischen Pest und Cholera.

Allerdings existieren auch offenere und gehackte Versionen des G1, für die in Internetforen bereits fleißig Alternativ-Android-Versionen entwickelt werden, die auch völlig autark von Google funktionieren könnten. So ist es Hackern bereits gelungen, die Mehrfingerbedienung, die aufgrund rigider Patente eigentlich nur Apple-Benutzern vorbehalten sein soll, auch auf dem G1 zu aktivieren. Google würde sich mit einer offiziellen Lösung in komplizierte Rechtsstreitereien verfangen, die Hacker aber regeln das gerne unkompliziert am Patentrecht vorbei.

Blickt man auf die Hardware, kommt das G1 nicht ganz so minimalistisch-elegant daher wie das iPhone; dafür aber praktischer. Hinter dem ausschiebbaren Display verbirgt sich eine vollwertige Tastatur, Webseiten lassen sich auch mit einem umgekehrten Mausrad, einem sogenannten Trackball bedienen, der Akku ist auswechselbar, was beim extrem hohen Stromverbrauch der  Smartphones eine echte Rettung für ladegerätlose Spätnachmittage sein kann. Auch führt das G1 mehrere Programme gleichzeitig aus, dafür kann man diese nicht mehr von Hand beenden. Online ist es übrigens fast immer, weshalb sich eine Datenflatrate nicht nur empfiehlt, sondern fast unabdingbar ist.

Für den Start des G1 hat der deutsche Vertriebspartner T-Mobile ganz offensichtlich die Werbetrommel gerührt. Auch Blogger wurden zu einer der Gerätepräsentationen nach Berlin geladen. Als in den vergangenen Wochen die Preise für das G1 erschienen, rauften sich jedoch viele von ihnen die Haare. Das G1 ist unnötig teurer, die Tarife nicht wirklich alltagstauglich. Im Vergleich zu Großbritannien bezahlt man für den Zweijahresvertrag bei T-Mobile Deutschland annähernd das Doppelte und spielt somit in einer Preisklasse über dem deutschen iPhone. Bis die Preise sinken, bleibt echten Fans nur der Bezug der offenen Entwicklerversion des G1 aus den USA – oder ein ausführlicherer Blick auf die Auktionsplattform eBay.

Das Betriebssystem Android und das G1-Handy bringen das mobile Internet zweifellos nach vorne – für die breite Masse ist der praktische Spaß jedoch noch etwas kostspielig. Zumindest in Deutschland.
Moritz Metz / Breitband
Foto: closari / flickr / CC-Lizenz: Namensnennung 2.0 US-amerikanisch

Dieser Text erschien erstmals auf: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/ewelten/911946/