• 12. Januar 2009 11:01
  • Off-Air, Sendung vom 17.01.2009

Realphilosophie im Internet


„Welche Entwicklung könnte zu Ihren Lebzeiten alles ändern?“ Wie in jedem Jahr fordert John Brockman, Begründer des Online-Portals „Edge prominente Denker und Wissenschaftler zu einer Synthese des Denkens oder zumindest einer Essenz ihrer wissenschaftlichen Standpunkte auf. Die Edge-Foundation wurde ins Leben gerufen, um der „Dritten Kultur“ eine öffentliche Plattform zu geben. Dieser Begriff geht zurück auf einen Ausdruck von C.P. Snow aus den 50er Jahren, der eine Synthese  der „ersten Kultur“ – der Geisteswissenschaft und einer „zweiten“ – der Naturwissenschaft anstrebte. Seit 1998 stellt Brockman innerhalb des „World Question Center“ Fragen an „Wissenschaftler und sonstige empirisch orientierte Denker, die mit ihrer Forschungsarbeit und ihren begleitenden Schriften die Rolle der traditionellen Intellektuellen übernehmen, um den tieferen Sinn unseres Lebens sichtbar zu machen und neu zu definieren, wer und was wir sind“. 
Mehr als 150 Anworten bemühen sich um diese Definition des Ist-Zustandes des Menschen. Von der direkten Telepathie zwischen zwei Gehirnen über Hypothesen zur Unsterblichkeit bis hin zu babylonischen Dolmetsch-Maschinen reichen die Prophezeiungen für die nahe Zukunft.
Für zahlreiche Wissenschaftler liegen die größten Versprechungen in der Kombination aus Gehirnforschung und künstlicher Intelligenz. Der deutsche Neurophilosoph Thomas Metzinger geht von der Kontrolle verschiedener virtueller „Selbste“ durch das eigene Gehirn aus, wobei Avatare zwischen biologischer und virtueller Intelligenz vermitteln.  Der Physiker Freeman Dyson ist der Überzeugung, dass die elektrischen Impulse im Gehirn mittels „Radiothelepathie“ direkt in andere Gehirne übertragen werden können. Für Neil Gershenfeld, Physiker am MIT, wird die Unterscheidung zwischen natürlichem und künstlichem Leben hinfällig, wenn man es eher als einen Algorithmus als eine Zusammensetzung von Aminosäuren versteht.
Der Wissenschaftshistoriker Georgy Dyson geht so gar soweit, anzunehmen, dass es am ehesten digitalen Lebensformen bzw. Einheiten gelingen könnte, sich im Universum interstellar zu bewegen.

Zusammenfassend ergibt sich weniger ein interdisziplinärer Abgleich der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern verschiedene Antworten auf die Frage „Was kommt nach dem Menschen?“ Und viele Ansätze scheinen in die Richtung einer „humanen transzendierenden maschinellen Existenz“ zu gehen. Mit Konsequenzen, die Dietmar Dath in seinem Roman „Die Abschaffung der Arten“ zu Ende denkt: „Wir leben, wie wir leben, nur, weil es Maschinen gibt, aber wir leben gleichzeitig so, als könnten wir dem, was sie tun, keine Richtung geben.“ 
Zwar kann Stanislaw Lem (noch) nicht posthum antworten, dennoch hatte er in seinem Buch „Dialoge“ folgende Perspektive formuliert: „Größtmögliche wechselseitige Ergänzung bei größtmöglicher individueller Freiheit – das ist die Formel unseres Modells. Die Entwicklung solch einer Gesellschaft erfolgt nicht durch Vereinfachung der bestehenden Bindungen, durch Vereinfachung der Struktur und Unterordnung der Individuen unter dieselbe, sondern im Gegenteil durch die wachsende Kompliziertheit dieser Struktur. Verursacht wird dies … durch das Anwachsen der im System zirkulierenden Information, durch die wachsende Anzahl der Wirkungskreise sowie durch die ständige Differenzierung der Bedürfnisse.“

Dieses Anwachsen der Information birgt dabei noch ein ganz anderes Problem: Der Wiener Physiker Anton Zeilinger sieht den größten möglichen Wandel in einem Zusammenbruch aller Computer aufgrund technischen Versagens.