• 26. Oktober 2007 18:10
  • Portrait, Sendung vom 27.10.2007

Pimp my Hüllkurve: Die Berliner Synthesizer-Werkstatt „Schraub und Dreh“


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In der Berliner Werkstatt „Schraub und Dreh“ werden elektronische Musikinstrumente von der 303 bis zum DX7 repariert und umgerüstet. Laf Überland porträtiert die Besitzer Jo Till und Tobias Münzer.
 

Hier das das Manuskript des Beitrags:
JO TILL: Dahinter steckt eigentlich ein gewisser Trotz: Man hat ein Gerät, das zwar wunderbar alles bringt zu einer gewissen Zeit, aber dann auch langweilig wird. Und da man ja keinerlei Eingriffsmöglichkeiten hat bei so einem digitalen Keyboard, verbindet man irgendwelche Leitungen miteinander und erzeugt dann einfach Kurzschlüsse. Das hat schon was Anarchistisches natürlich.  
AUTOR: In der Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain – also da, wo der normale Westberliner bis heute nicht hinkommt – da liegt dieser Laden Schraub & Dreh: Darin wuseln – in der Tat ein bißchen wie Waldschrate – ein paar Männer im Unterholz von halb geschlachteten elektronischen Musikinstrumenten rum:
TILL & MÜNZER: Mein Name ist Johannes Till; ich bin Tobias Münzer
AUTOR: – die Synthieschrauber von Friedrichshain. Hobbymusiker, natürlich, die irgendwann – vom Hobbymusizieren kann man ja nicht leben – eine Reparaturwerkstatt aufmachten: zuerst für kaputte DJ-Sets, dann für Synthesizer und dergleichen Maschinen, dann kam der An- und Verkauf dazu. Und schließlich fingen sie an, an diesen alten billigen an sich schon ausrangierten Geräten rumzubasteln. Sie hatten nämlich gemerkt, daß die meisten dieser Geräte beim Spielen irgendwelche Lücken aufwiesen: Hier noch ein kleiner Effekt wäre ganz schön, und dort ein paar mehr Möglichkeiten? Also fingen sie an zu modifizieren.
JO TILL: Das ist rülpsende Flaschenöffner, den habe ich auch mal umgebaut mit einer Fotozelle, den kann man dann je nach Lichteinfall ganze Lieder singen bzw. rülpsen  lassen.   
AUTOR: Ja, fein! Aber normalerweise können die Ergebnisse von Schraub & Dreh sich hören lassen. Sag mal, stimmt das, daß Goldfrapp eine von Euern Kisten gekauft haben? (Jaja, aber….)
JO TILL: Das ist ein Synthesizer aus der DDR, der einzige polyphone Synthesizer, den die gebaut haben.  Diese analogen Stimmen sind nicht schlecht, der hat ’n ganz guten Sound…
AUTOR: Namedropping liegt ihnen offensichtlich nicht, stattdessen jene Neugier des Schraubers, der ganz ähnlich den besessenen Automobiltunern das Beste oder das Versteckteste zu Tage fördern: mit ein paar zusätzlichen Schaltern, Schiebereglern oder Drehköpfen, Kreativwerkstatt für elektronische Musikinstrumente stand mal irgendwo zu lesen.
JO TILL: Manche haben so ein Lieblingsgerät, das irgendwie auch schnuckelig aussieht, da sollen dann so ein paar Möglichkeiten mehr rein – oder da sollen Leuchtdioden ran: also gerade Djs, die stehen da manchmal unheimlich drauf, wenn dann beim Rumschrauben ihr Gesicht rythmisch beleuchtet wird, das ist die größte Freude.  
AUTOR: Hmhm. Lichthupe! So ganz weit ist das wohl wirklich nicht von dem entfernt, was Golf-GTI-Tuner machen…
JO TILL: Das ist jetzt zB diese 303, da habe ich eine ganz extreme Version gebaut mit zwei LFOs, ein Verzerrer drin und die Hüllkurve, die man umdrehen kann, damit die Sounds wie rückwärts klingen…
AUTOR: Und dieser Kasten war kleiner als ein Din-A-4-Blatt. Dabei lehnen an den Wänden vor allem halbmannshohe aufgeschraubte Chassis, sogar das elektrische Schaltpult einer Industriemaschinenanlage steht irgendwo mit Druckknöpfen und großen Lampen. Das macht noch keine Musik. Ansonsten sind dem Modifizieren irgendwelcher Klangerzeuger keine Grenzen gesetzt!
JO TILL: Hier ist also ziemlich vermurkst, da hat jemand repariert, aber sehr unfachmännisch. Und wenn man drunterschaut , hier diese Kabel, das sieht einfach furchtbar aus, die Potis wackeln alle, die werden besser festgeschraubt. Und dann  habe ich ihn gereinigt und auch wie beim Auto hier Roststellen entfernt und dann lackiert,  damit es nicht weiterrostet.
AUTOR: Bei analogen Synthesizern – altmodischen also aus den Siebzigern vor allem – lohnt es sich eher, zusätzliche Effekte anzubauen: Das macht Jo, „circuit enlargement“ nennt er das, Schaltungs-Erweiterung, während Tobias für die digitale Veränderung zuständig ist, kleine Geheimeingänge bauen, die nicht vorgesehen sind: „circuit bending“, was man grob mit „Zweckentfremdung“ übersetzen könnte. Ein kultger Trend, wie das Versandhaus wahrscheinlich sagen würde, wenn es so was da gäb.
TOBIAS MÜNZER: Man verbindet verschiedene Punkte in der Schaltung, so daß vollkommen neuartige Effekte entstehen. Es kann sein, daß irgendwelche Loops entstehen, daß plötzlich komische Klängeerzeugt werden, die man gar nicht beschreiben kann. Und der Anwender kann dann hinterher mit diesem Gerät, das ursprünglich vielleicht eine Drummachine war, plötzlich experimentelle Klänge erzeugen, Basslinien, Melodien, ambiente Pads oder einfach nur Sachen, die nicht beschreibbar sind, also vollkommen neuartige Klänge.
AUTOR: Und die werden, seit Techno zur Popmusik wurde, auch tatsächlich genutzt: Denn wo immer alles anders sein muß – NEU, da müssen auch die Klänge aus dem rechner anders klingen als irgendwelche sonst. Eigen eben. Neu!
TOBIAS MÜNZER: Also so klingt die Drummachine normal, also ohne daß wir sie modifiziert haben, und danach klingt sie so… – Die Drummachine wurde so modifiziert, daß sie jetzt ein vollkommen neuartiges Instrument darstellt.
AUTOR: Und mit diesem Krach kann man ernsthaft Musik machen?
TOBIAS MÜNZER: Ja, in letzter Zeit ist es sehr populär geworden, solche schrägen Sounds zu haben und in seine Tracks einzubauen.