• 12. März 2009 15:03
  • Off-Air, Sendung vom 14.03.2009

Pietät, Prioritäten und Perspektive – Der Amoklauf von Winnenden bei Twitter


Wer twittert liegt im Trend. Fast alle großen Medien haben inzwischen einen eigenen Channel eingerichtet. Die großen Nachrichtenportale, die sich in den vergangenen Monaten beim Microblogging-Dienst in Position gebracht hatten, reagierten schnell auf den Amoklauf von Winnenden. Trotzdem verbreiteten einzelne Twitterer die Schreckensmeldung noch schneller. Exklusives Material wie bei der Notwasserung im Hudson River blieb diesmal rar.

Die Userin „tontaube“ berichtete vom Bahnhof Winnenden: „Schüler in angrenzender Grundschule sind in Klassenzimmern, die von Gymnasium&Realschule sind ins Wunnebad evakuiert.“ Und „ganz schön unheimlich, aber solange die Polizei hier vorm Bahnhofsbüro steht, fühl ich mich einigermaßen sicher“.  Genug Angaben, um nun zum Beispiel einen dänischen und einen holländischen Journalisten neugierig zu machen. Der Holländer sendet gleich mehrere Telefonnummern an die Twitter-Gemeinde, mit der Bitte an „tontaube“ um einen Anruf. Die aber reagiert nur wenige Minuten später souverän mit dem Hinweis: „Liebe Presse: ich weiss doch auch nichts von dem Verrückten…“

Focus Online hatte die Idee, seine Kurzmitteilungen auf Twitter zum Amoklauf unter einer Adresse zusammenzufassen, und legte dazu einen Benutzer namens „Amoklauf“ an. Aufruhr im Twitterland. Der „Netzeitungs“-Twitterer erregte sich als erstes: Wie pervers ist das denn? Focus Online twittert unter @amoklauf! Guten Tag, liebe Leser, hier ist wieder Ihr Focus-Online-Live-Team. Wir haben eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die schlechte: Es gibt zwei weitere Todesopfer. Die gute: Unsere Reporter sind auf dem Weg zum Tatort, der Verkehr läuft flüssig, und die Frisur sitzt.Anke Gröner schreibt in ihrem blog: „Man muss es nicht gleich „pervers“ nennen, aber es ist in jeder Hinsicht unangemessen. Es geht um Pietät, Prioritäten und Perspektive. Ich finde es falsch, angesichts des Unglücks so vieler Menschen über die eigene Anreise zu schreiben. Ich finde es falsch, in der Hektik dieser Berichterstattung noch über die Hektik dieser Berichterstattung zu berichten, auch wenn es nur zehn Sekunden dauert. Und ich finde es falsch, die Aufmerksamkeit vom Gegenstand der Berichterstattung auf den Berichterstatter zu lenken.“