• 23. Juli 2011 14:07
  • Digitale Kultur, Netzmusik, Sendung von 23.07.2011

Mixtape-Spezial

Die Netzmusik vom 23.07.2011


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In der Musikabteilung drehen wir uns heute eine Runde um Mixtapes. Denn die „beste Rapperin der Welt“, Jean Grae, hat gerade ein neues Mixtape herausgebracht. Das soll die Fans anwärmen für die offizielle, reguläre und kostenpflichtige Album-Veröffentlichung im Herbst. Das war mit dem Mixtapes schon immer so, sie haben funktioniert als Promotion-Plattform. In den Anfängen des Hip Hop für Möchtegern-Rapper, die weder die Ressourcen, Zeit, noch die Fähigkeiten hatten zum Beispiel gute Beats zu produzieren, über die sie ihr Rap-Talent verbreiten konnten, also haben sie einfach Instrumentals, Loops und anderes aus schon bestehenden Songs genommen, und ihre Texte drübergerappt – um bekannt zu werden, und dann irgendwann die Möglichkeit zu bekommen, komplett originäres Material aufzunehmen.

Und dieses Prinzip “Aus Mangel an Alternativen” war schon von Anfang an die Basis im Hip Hop, das sieht auch der hauptberufliche Mixtape-Produzent J.Period aus New York so:

„In the moment in the Bronx, where hip hop was created, they had actually shut down musical education programs in schools, and kids did not have access to musical instruments, the only thing they had access to was their parents records and so the turntable became their instrument and manipulating the records became their sort of expression.“
„In dem Moment, als in der Bronx der Hip Hop erschaffen wurde, waren tatsächlich vorher die Musik-Erziehungsprogramme in den Schulen abgeschafft worden, und die Kinder hatten keinen Zugang zu Instrumenten, das einzige, an das sie rankamen, waren die Platten ihrer Eltern, und deshalb wurde der Plattenspieler ihr Instrument und Platten-Manipulieren ihre Ausdrucksform.“

Und heute könnte jeder mit relativ wenig Aufwand auch Beats programmieren und Songs aufnehmen – aber das Mixtape, das auf der Bearbeitung und Veränderung der Musik anderer basiert, spielt immer noch eine wichtige Rolle, denn nachdem in den vergangenen Jahren Hip-Hop- Künstler fast paranoid nach Wegen gesucht haben, Leaks zu vermeiden und illegale Downloads zu unterbinden, gibt es in jüngster Zeit einige, die als Promo-Politik Mixtapes verschenken.Kanye West hat das gemacht, um sein Publikum warmzuhalten zwischen den Alben- Veröffentlichungen, der Produzent Timbaland und eben jetzt auch Jean Grae, die vor ein paar Jahren, als ein Album von ihr ins Internet geleakt war, sogar ihre  ganze Karriere an den Nagel hängen wollte. Mittlerweile scheint sie zu denken, Angriff ist die beste Verteidigung und verschenkt ihr Mixtape “Cookies or Coma”, um Herbst ihr Album besser verkaufen zu können.

Und wie sieht das aus mit dem Urheberrecht und den Mixtapes? In Deutschland gelten sie als Bearbeitung eines Werkes, sagt Dr. Florian Drücke vom Bundesverband der deutschen Musikindustrie: Musikverband:

„Eine Bearbeitung darf nur dann ins Internet gestellt werden, wenn die entsprechenden Rechte eingeholt wurden und wenn die entsprechenden Lizenzen gezahlt wurden.

Und die Rechte und Lizenzen haben alle an der Herstellung beteiligten, vom Komponisten über Textdichter bis Tonmeister, wenn sie das nicht anders geklärt haben.
Wie das mit dem Urheberrecht unter anderem für Mixtapes In den USA, wo die Mixtape-Kultur viel tiefer verwurzelt ist, und von wo, gerade im Hip Hop, die Welt mit Mixtapes überschwemmt wird, geregelt ist, das hat uns der Urheberre htsanwalt Till Kreutzer erklärt.

„In den USA haben die so eine anderes Prinzip, das heißt Fair Use. Das bedeutet, dass alles, was Fair Use ist, ist keine Rechtsverletzung. Und das ist total offen. Also die Zeiten ändern sich, es kommen neue Formenvon Kultur-Schaffen und solchen Dingen auf und auch neue Technologien. Und wenn sowas aufkommt, dann gibt es einen Test, wo man prüfen kann, ist das Fair Use oder nicht. Da gibt es so verschiedene Kriterien, aber im Prinzip kann das alles darunter fallen. Das sind so, wie sehr die Interessen der Rechteinhaber in kommerzieller Hinsicht beeinflusst werden, auch so Dinge wie, wie sehr hebt sich das Neue von dem Alten ab, also hat es zum Beispiel eine neue Ausdrucksform und solche Dinge und wenn man das alles zusammennimmt, das nennt man dann transformative Nutzung, das ist zum Beispiel die Überführung von vorbestehendem Material in neues Material, was dann auch andere Leute anspricht und auch andere Sinne möglicherweise anspricht. Und das kann man dann gegeneinander abwägen und dann sagt man, das ist sehr kreativ und der Schaden der dadurch entsteht für die Rechtehinhaber ist gleich null oder sehr gering und deswegen ist es Fair Use und erlaubt.“

Die Mixtape-Produzenten-Realität sind dann aber noch ein bisschen anders aus. Der Produzent J Period aus New York geht Rechte- Problemen bei seinen Mixtapes aus dem Weg, indem er direkt mit den Künstlern, die er remixt zusammenarbeitet und manchmal auch von deren Plattenfirmen beauftragt wird.Aber ansonsten gelte in der Mixtape-Szene das Prinzip „Wo kein Kläger, da kein Richter“:

„It is a lot of grey area – if you are getting 50 downloads, nobody is paying attention, if you’re getting 500.000 downloads, then people start paying attention, and they’ll gonna start picking their law, but the bottom line is this: someone is only gonna come after you, if they think, that the money, that they can get from you, is going to be able to cover their lawyers and then also put money in their pocket, and then if you are not selling it, there is no justifiable reason to come after you, it’s just a waste of time and money.“

„Da ist eine große Grau-Zone – wenn 50 Leute Deine Mixtapes runterladen, interessiert das niemanden, aber bei 500.000 fangen sie an, ans Recht zu denken. Aber es ist so: sie werden das nur verfolgen, wenn sie glauben, das das Geld, das sie von Dir holen können, die Anwaltskosten deckt und ihnen auch Gewinn bringt. Und wenn Du Deine Mixtapes nicht verkaufst, gibt es keinen berechtigten Grund, Dich zu verfolgen, das wäre nur Zeit- und Geldverschwendung.“

Jean Grae: “Cookies or Comas“

Web: jeangraesblog.blogspot.com/
Mixtape – Download

Jean Grae arbeitet sich schon seit Jahrzehnten an der Musik- und Hip-Hop-Industrie ab. Ihre Kompromisslosigkeit verhinderte bisher, dass die, die dabei helfen müssen, sie nicht in den Rap-Mainstream gebracht haben. Zu sehr ist Jean Grae auf ihre Kunst konzentriert – Inhalte und Ansichten, Sprachfluss und Wortgewandtheit. Keine Tanz-Choreographien, keine Frisürchen und kein Gekicher. Jean Grae kümmert sich um die Substanz. Formal baut sie aus Wortstämmen, Sprachbildern und Reimen faszinierende Querverbindungen und Konstruktionen, die sie dann mit der Essenz ihres Lebens füllt.Große Themen wie Schuld und immer wieder Weitermachen transportiert Jean Grae über Scherze, die so schwer und gleichzeitig leicht sind, wie das trotzige Lachen in Gesprächen unter Nachbarn an der Strassen-Ecke. Nachbarn, die um die gegenseitigen Sorgen wissen, und sie durch Lachen mittragen.Bei Jean Grae kommt dichten von verdichten. Ihre Rap-Freunde feiern Jean Grae schon seit Jahren – große Rapper lassen sie auf ihren Alben rappen. Und gute Produzenten bauen ihr die Beats.Das Mixtape Cookies or Coma ist eine ganz glorreiche Vorbereitung auf das im Herbst erscheinende offizielle Album.


J Period
Web: www.jperiod.com

Mixtape-Download: ZIP-Datei

J Period hat sich durchgearbeitet, vom kleinen Kassetten-Zusammen-Kopierer, zu einem Mixtape- und Remix-Produzenten, der von Hip-Hop-Crews wie The Roots oder Q-Tip mit Mixtapes beauftragt wird. Im August kommt er als Tour-DJ von Q-Tip nach Deutschland.

Bild: Jean Grae Mixtape-Cover-