• 6. April 2013 12:04
  • Netzmusik, Sendung vom 06.04.2013

Wider den Webpessimismus

Die Netzmusik am 6. April 2013


In seinem 2010 erschienen Buch „You Are Not A Gadget“ stellte der Internetpionier Jaron Lanier enttäuscht fest, das Netz habe die musikalische Kreativität verringert und keine neuen Musikstile hervorgebracht. Schuld daran sei unter anderem, so Lanier, auch die im Netz vorherrschende Gratismentalität im Zusammenhang mit kreativen Inhalten.

Stöbert man ein wenig durch die im Netz frei erhältliche Musik, so ist man durchaus geneigt, Lanier zu widersprechen. Viele junge Musiker und Produzenten veröffentlichen ihre Werke nicht nur wie selbstverständlich zum kostenlosen Download, sondern schöpfen auch neue Ideen aus den Möglichkeiten, die ihnen das Internet bietet.

Der französische Komponist und Produzent Hiroshima zum Beispiel vereint in seinen Stücken Einflüsse aus Electro, Hip-Hop, Breakbeat, Trip-Hop und Ambient. Anfang des Jahres ist beim Netlabel Digital Pit sein zweites Album The Next Room zum Gratisdownload erschienen. Von diesem stammt auch die erste Musik in dieser Sendung mit dem Titel Sonatine.

In dem „Electro Swing“ genannten Musikgenre kombiniert man gern Samples aus Swing-Stücken der 20er und 30er Jahre mit tanzbaren elektronischen Beats. Das macht auch der britische Produzent Ollie Johnson, besser bekannt als Odjbox. Dabei ist er allerdings nicht allzu dogmatisch und verschmilzt gern auch ganz andere Stile miteinander, weshalb er seine Musik lieber als „Hip-Trip-Swing/Hop“ bezeichnet. Mittlerweile hat er drei Alben herausgebracht, die es allesamt zum kostenlosen Download bei Bandcamp gibt. Auf seinem Debut, der Swamp Stomp E.P. aus dem Jahre 2011 findet man auch das Stück Saraghina.

Eine etwas andere Art der Fusion bestimmt das Schaffen des US-amerikanischen Duos Jellyfish Brigade. Nachdem der MC Lucas Dix und der Elektronik-Produzent Jeffrey Accaciaioli zunächst auf Solopfaden unterwegs waren, kreuzten sich ihre musikalischen Wege 2009, als Jeffrey für eine Weile bei Lucas Obdach fand. Seitdem verweben sie in ihrer Musik melodische elektronische Beats mit poetischen Vocals, deren Wurzeln ebenso im Storytelling-Hip-Hop der 90ern Jahre wie in zeitlosen Lagerfeuer-Folksongs liegen. The Art of Being Pulled Apart heißt ihr mittlerweile drittes Album, das man wie die beiden Vorgänger auch gratis herunterladen kann. Wir hören daraus den Titelsong.

Beim französischen Blue Apple Quartet weist bereits der Name auf eine Vorliebe für die Kombination verschiedenster Einflüsse hin. Während „Blue“ auf das legendäre Jazz-Label „Blue Note“ anspielt, ist „Apple“ nicht etwa eine Referenz auf den Hersteller des iPhones, sondern auf den Melting Pot New York. Dementsprechend finden in ihren Bearbeitungen bekannter Jazz-Klassiker mühelos Stilelemente aus Soul, Reggae, Hip-Hop und Blues ihren Platz. Zusammen mit der Sängerin Elodie Rama haben sie 2010 das kostenlos erhältliche Album (Re)Visiting Jazz Classics herausgebracht, auf dem auch diese Version des Stücks Cheek to Cheek des Komponisten Irving Berlin enthalten ist.

Unter dem Pseudonym Kill Paris ist der US-Amerikaner Corey Baker nicht nur als DJ aktiv, sondern produziert auch eigene Stücke. Mithilfe von Ableton Live und selbstgebastelten Controllern baut er aus Bass-, Rhythmus-, Gitarren- und Synth-Loops seine äußerst tanzbaren Tracks zusammen. Mitte 2012 veröffentlichte er sein erstes Album The Beginning, eine ebenso bunte wie wilde Mischung aus Electro-House, Dubstep, basslastigem Funk und dem ein oder anderen Pop-Element – wie zum Beispiel in seinem Stück I Do Love You zu hören.

„Bass Music“ – so nennt sich ein Musikgenre, das eigentlich gar keines ist. Gemeint ist damit eine aktuell sehr populäre urbane Tanzmusik, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie verschiedene andere Formen der Tanzmusik miteinander vermischt: von Dubstep, Drum’n’Bass und Garage bis hin zum angolanischen Kuduro oder der kolumbianischen Cumbia. Ende 2012 veröffentlichte der Amerikaner Tyler Coombs als „Of The Trees“ sein Debutalbum Threshold auf dem Netlabel Gravitas Recordings. Darauf ist seine ganz eigene Interpretation von Bass Music zu hören – und die ist nicht nur sehr abwechslungsreich, sondern stellenweise auch erstaunlich ruhig und experimentell-psychedelisch. Aus dem Album hören wir den Titel Tion Cluster.

Playlist

1. Hiroshima – “Sonatine”

Track (nur Stream) | Album (Download)

2. Odjbox – “Saraghina”
Track | Album

3. Jellyfish Brigade – “The Art of Being Pulled Apart”
Track | Album

4. Blue Apple Quartet – “Cheek to Cheek” (Duet with David LeDeunff)
Track | Album

5. Kill Paris – “I Do Love You”
Track | Album

6. Of The Trees – “Tion Cluster”
Track | Album

Zusammengestellt von Volker Tripp.

Bild: Wikimedia Commons / Bundesarchiv