• 3. Mai 2014 13:05
  • Sendung vom 03.05.2014, Topic

Mehr als nur Kühlschranktheorie

Usman Haque über das Internet der Dinge


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Die „ThingsCon“ in Berlin ist eine Konferenz, die sich an diesem Wochenende mit der Zukunft von Hardware beschäftigt – darüber diskutiert, aber auch an Hardware bastelt. Gründe, sich damit zu beschäftigen, gibt es genug. Denn mit dem so genannten Internet der Dinge wird sich die Erscheinungsform von Computern deutlich verändern: Der Computer verschwindet quasi in Alltagsgegenständen und haucht diesen Intelligenz ein. Jeder denkt natürlich sofort an den Kühlschrank, der selbstständig für Essensnachschub sorgt. Das aber ist noch die ganz harmlose Variante intelligenter Geräte. Matthias Finger gibt einen Überblick darüber, was das Internet der Dinge tatsächlich kann – und was bisher nur Science Fiction ist.

Wir haben im Rahmen der „ThingsCon“ mit dem US-Architekten und Künstler Usman Haque darüber gesprochen, welches seine Vision vom Internet der Dinge ist. Außerdem haben wir ihn gefragt, was gutes Design im Internet der Dinge ausmacht. Hier seine Antwort:

Das vollständige Interview auf Englisch gibt es hier:

Weitere Links zu Themen des Interviews:

Natural Fuse

Addicted Toasters

Propeller Health Asthma Inhaler

Fitbid

Jawbone

Mark Weiser

Ubiquitous computing

Thingful.net

Deutsche Übersetzung des kompletten Interviews:

BB: Sie sind Architekt, haben in Kunst, Forschung und Design gearbeitet – in welchem dieser Gebiete ist das Internet of Things zu Hause?

UH: Persönlich würde ich das Internet der Dinge in einen soziokulturellen Bereich einordnen. Klar geht’s da auch um Technologie, um vernetzte urbane Umgebungen. Aber was mich am meisten interessiert ist wie das Internet der Dinge unsere Beziehungen und die zur Umwelt beeinflusst. Ich sehe es also in einem architektonischen Sinn, auch so, wie wir Städte bewohnen und benutzen.

BB: Eine der Mythen, die immer wieder erzählt werden, ist der Kühlschrank, der automatisch frische Milch bestellt wenn die alte Milch sauer ist. Ist das realistisch – und falls nicht: können Sie uns ihr Lieblingsbeispiel für ein Internet-Ding nennen, vielleicht auch in der Architektur?

UH: Der Internet-Kühlschrank ist ein bisschen wie ein Klischee geworden, zum Teil, weil es eine alberne und in meinen Augen ziemlich uninteressante Idee ist. Das ist nur eine Bequemlichkeitseinrichtung, die uns das Leben vielleicht ein wenig erleichtert. Aber sie nutzt längst nicht das volle Potential, das sich uns bietet wenn unsere Gegenstände miteinander vernetzt sind und sie Entscheidungen beeinflussen, was andere Dinge oder sogar Menschen tun. Als Gegenbeispiel will ich von einem Projekt von uns erzählen, es heißt „Natural Fuse“. Im Prinzip ist das eine Pflanze mit einer Steckdose. Da steckt man zum Beispiel eine Lampe ein – aber die Pflanze stellt nur so viel Strom bereit, wie sie mit ihrem positiven CO2-Fußabdruck auch ausgleichen kann. Jetzt schafft so eine Pflanze nicht mal so viel CO2 abzubauen wie eine einzige Energiesparlampe generiert. Man braucht da ungefähr fünf bis sechs Pflanzen. Die stehen an unterschiedlichen Orten und sind übers Netz miteinander verbunden. Und wenn man dann das Licht einschalten will, wird erstmal übers Internet geprüft ob es irgendwo anders fünf – gerade „freie“- vernetzte Pflanzen gibt, die die CO2-Bilanz der Glühbirne zusammen ausgleichen können. Dann fließt der Strom – aber die ganze Gemeinschaft der Pflanzenbesitzer behält eine neutrale C02-Bilanz. Sowas wird möglich wenn Geräte miteinander verbunden sind – sie arbeiten unter viel breitererem Entscheidungs-Umständen zusammen. Es geht nicht nur um den Bequemlichkeitsfaktor, dass eine Person auf einen Knopf drückt und ein Licht anschaltet. Es geht darum, dass Dinge in Echtzeit abhängig davon agieren, was in der Welt da draußen geschieht. Und das ist, was mich mehr am Internet der Dinge interessiert.

BB: Glauben Sie, das ist der Charakter des Internets der Dinge – oder geht es da auch um Problemlösungen, wo wir noch gar nicht wissen, dass wir diese Probleme überhaupt haben?

UH: Mich selbst interessiert es weniger, Dinge als immer als Probleme anzusehen und sie dann zu lösen zu müssen. Das ist oft eine sehr technik-orientierte Herangehensweise, Probleme und ihre Lösungen. Als Architekt interessiere ich mich natürlich auch für die geradezu poetischen Aspekte: Wie wir aus uns als Menschen Sinn machen; aus unserem Zuhause, aus unseren Städten. Ich will nicht nur auf Problemlösungen kucken, ich will lieber zu der Freude am urbanen Leben beitragen – und manchmal geht das durch vernetzte Geräte. Wir haben mal das „Addicted Toasters“-Projekt gemacht, mit Toastern. Die waren ans Netz angebunden und wurden „eifersüchtig“, wenn andere Toaster öfters benutzt wurden als sie selbst. Wenn die Toaster also erfuhren, dass andere Toaster in der Nachbarschaft jeden Tag sehr oft benutzt wurden – und sie selbst nur ein-zwei-mal täglich, dann wurden sie „neidisch“ und versuchten ihre Besitzer auf sich aufmerksam zu machen: Bitte benutz mich doch auch so oft! Und wenn sie dann immer noch nicht oft genug benutzt wurden, konnten sich die Toaster selbst automatisch per Kurierpost verschicken lassen. An jemanden auf der Warteliste, der auch so einen vernetzen Toaster nutzen will. Die Idee dahinter ist: in einer Welt, wo die Apparate miteinander verbunden sind und wir solche Ressourcen teilen können, warum sollten wir dann Dinge besitzen, die nur unbenutzt im Regal herumstehen?

BB: Das Beispiel, das sie erwähnt haben, bringt mich zu den Datenschutzbedenken, die besonders hier in Deutschland ein Thema sind. Ist es eine große Gefahr des Internets der Dinge, dass diese Dinge überall und immer online sind und jedes noch so kleine Detail über unser Leben wissen?

UH: Klar stimme ich zu – Privatsphäre ist hier äußerst fundamental. Man muss auch sehen, dass wir heute als Individuen sehr wenig Kontrolle über unsere Privatsphäre haben – das ist das Hauptproblem. Im Internet der Dinge wird sich alles ändern müssen. Zum Teil weil all die Businessmodelle von Firmen wie Facebook oder Google darauf basieren, dass die deine Daten besitzen. Und dich als Produkt sehen. Ihr Geschäft basiert darauf dass du auf eine Webseite gehst und der Betrachtungsvorgang einer Werbe-Anzeige treibt ihr Businessmodell an. Im Internet der Dinge ist das nicht möglich. Deshalb ist die Frage: Wie strukturieren wir das Internet der Dinge um die Kontrolle zurück in die Hände der Menschen zu geben. Denn das Andere an der Privatsphäre ist: das ist ja keine Ja/Nein-Entscheidung. Wir entscheiden uns ja nicht: ich will alles für mich behalten. Oder alles verraten! Wir haben eine sehr viel viel abgestimmtere Privatsphäre, wo ich vielleicht okay bin, ein bisschen was mit mit jemanden zu teilen – aber nur, wenn der auch ein bisschen zurückteil. Oder ich teile was mit einer bestimmten Gruppe von Leuten – aber nicht mit jedermann. Und die Frage, wie man die Kontrolle darüber zurückgewinnt, die ist für mich fundamental fürs Internet der Dinge. Darum will ich mich kümmern – nicht nur in einem technischen, sondern eben auch in einem soziokulturellen Sinn.

BB: Vielleicht gibt es ja auch positive Effekte wenn wir diese Daten dann im Internet der Dinge teilen. Welche Vorteile können wir denn aus dieser Technologie noch ziehen – und den vielen Daten, die dort noch anfallen?

UH: Ich will hier das Produkt einer Firma namens Propeller Health erwähnen – das ist ein Asthma-Inhalator, der mit dem Smartphone verbunden ist. Und jedes Mal, wenn man in der Stadt unterwegs ist und den Inhalator benutzt, speichert das Telefon den Standort, wo man den Inhalator nutzte. Wenn man dann wieder in diese Stadteil geht, warnt es mit einem Alarm, dass man seinen Inhalator brauchen könnte. Noch wichtiger aber: es sammelt die anonymsierten Informationen von anderen Leuten, wo die so inhalierten. Wenn du also selbst erstmals wohin gehst, wo andere schon mal Inhalatoren brauchten, weist dich dein Telefon darauf hin. Das ist interessant weil es ein Wissensaustausch von vielen zu vielen ist. Und das Internet der Dinge ermöglicht auch, Daten wie diese Luftqualitäts-Informationen in Echtzeit mit beispielsweise Wetterdaten zu verknüpfen. Das Wetter beeinflusst ja auch die Luftqualität. Und andere Daten, Verkehrsfluss zum Beispiel. Das finde ich interessant am Internet der Dinge, diese Idee, dass viele mit vielen kommunizieren. Wir sehen zwar gerade lauter Bequemlichkeits-Dinger, Lampen, derem Farbe man mit dem Handy umschalten kann, Heizungen, die man aus der Ferne anschaltet, bevor man nach Hause kommt. Aber wenn all diese Dinge miteinander kooperieren, das ist das für mich das tollste Ergebnis!

BB: Google hat kürzlich für den Heizungssensor von Nest über 3 Milliarden Dollar hingelegt – warum setzen die großen Konzerne so viel Geld ein für das Internet der Dinge?

UH: Das Internet der Dinge ist immer noch das Internet. Da sind Dinge, die nicht mehr unbedingt Computer sind, mit dem Internet verbunden – aber sie haben trotzdem  die Rechenleistung der Cloud hinter sich! So gesehen ist es doch ein offensichtlicher Weg für Internetkonzerne, in Internet-der-Dinge-Produkte zu investieren. Um konkret auf ihre Frage um Google und Nest einzugehen – das ist schwer zu sagen, warum sie gerade dieses Startup gekauft haben – aber ich würde glauben, dass Google, deren Spezialität ja das Strukturieren von Informationen ist, eben auch anfangen wollen, Informationen aus der physischen Welt zu strukturieren und nicht nur der aus der virtuellen Welt der Webseiten.

BB: Um nochmal genauer nachzufragen: Sie haben ja vorhin schon gesagt: der Nutzer ist nicht mehr das Produkt. Woher bekommen denn diese großen Firmen den Profit aus dem Internet der Dinge?

UH: ,Ich glaube es könnte sich gut so entwickeln, dass die Anwendungs-Ebene, die Applikations-Ebene oberhalb der Hardware, die größte Einnahmequelle der Hardware-Konzerne wird. Das würde bedeuten dass sich die Leute Apps für ihre Geräte kaufen. Und die Entwickler und App-Stores die Einnahmen mit den Hardwarefirmen teilen. Wenn man heute einen Fitness-Sensoren bei einer Firma wie Fitbid kauft oder Jawbone, gehen die Daten auch nur zu Fitbid. Deren Webseite besucht man dann um Analysen und Graphen zu sehen. In einer wahrhaftig offenen Internet-der-Dinge-Welt kann man die Daten auch an seinen Arzt senden. Oder an die Übungs-App seines Lieblings-Yogalehrers. Oder man könne seine Daten anonymisiert an die Forschung verkaufen. Die Kontrolle wäre jedenfalls zurück beim Individuum. Von dort fließt ja auch die Wertschöpfung. Wir wissen nur noch nicht was das Businessmodell ist, das das Internet der Dinge wirklich in die Ausmaße katapultiert, über die heute schon jeder redet. Es ist wie in den frühen Tagen des Webs – 1994, 1996, als man sich versuchte vorzustellen, was das Businessmodell des Webs sein würde. Genauso schwierig ist es sich das beim Internet der Dinge vorzustellen.

BB: Ob eine Technologie in der Gesellschaft akzeptiert wird, hängt davon ab, wie einfach sie zu verstehen und zu bedienen ist. Wie sieht gutes Design für das Internet der Dinge aus? Sollte den Anwendungen anzusehen sein, dass es technische Geräte mit Netzwerkanschluss sind – oder sollten sie die technischen Details möglichst verstecken?

UH: Es sollte nicht das Ziel sein, alles zu verstecken. Damit beziehe ich mich auf Mark Weiser, einer der ersten und bekanntesten Forscher im Feld des „Ubiquitous Computing“. Er sprach von Seamful anstatt von Seamless Design, von nahtvollem statt nahtlosem Design. Dinge, wo die Menschen sehen, dass sie damit etwas tun können – und was das Ding tut. Also nicht alle Nähte hinter einer Wand zu verstecken. Genauso sollte sich im Internet nicht alles hinter einem schicken Interface verstecken oder einem einzigen Knopf – sondern den Nutzer eher in den Entscheidungsprozess und vielleicht sogar in Verantwortung mit einbeziehen anstatt alles an Alorgithmen zu deligieren. Es geht darum, Komplexität nicht zu verschleiern sondern sie leichter durchschaubar zu machen. Und den Nutzer bei solchen Entscheidungen zu unterstützen, wieviel Privatsphäre er möchte, welche Daten er teilt, wie stark er seine eigenen Daten kontrollieren möchte. Das wird absolut essentiell beim Erstellen von Internet-der-Dinge – Anwendungen, Geräten oder Umgebungen.

BB: Zuletzt ein kleiner Ausblick in die Zukunft – was werden die nächsten aktuellen Entwicklungen sein und was ist Ihre Vision vom Internet der Dinge?

UH: Ich konzentriere mich immer sehr darauf, was schon heute möglich ist und was die nächsten Schritte sind – und bin deshalb immer vorsichtig beim Vorhersagen der Zukunft. Aber was mich derzeit am meisten interessiert und was ich in Thingful.net erforsche, unserer Suchmaschine für das Internet der Dinge, die wir neulich gestartet haben – mich fasziniert, den Kontext dieser vielen Sensoren und Geräte herauszustellen, die da draußen sind, die öffentliche Daten generieren – und mich interessiert, diese Daten im Zusammenhang zu präsentieren mit all den anderen Daten und Geräten, die da in der Nähe sind. Damit die Leute damit was machen! Ich will den Menschen helfen, ihre eigenen Hypothesen zu Dten aufzustellen, die Daten zu diskutieren und zu präsentieren. Damit es  mehr bedeutsamen Austausch gibt um das große Projekt, das wir alle haben: uns selbst zu vermessen. Und unsere Umwelt.

 Foto: „Norge 1953“ von 1950s Unlimited, CC BY 2.0