• 11. Oktober 2007 14:10
  • Portrait, Sendung vom 13.10.2007

Medienkritik und Fröschefang – Oliver Gehrs


Ein Portrait von Bettina Ritter

Foto aus dem Dummy-Magazin # 16
Kaum jemand geht in Deutschland mit den Medien so hart ins Gericht wie Oliver Gehrs. Gute Medienkritik ist hoch moralisch und fragt nach der Verantwortung der Bewusstseinsindustrie Medien, sagt der ehemalige Redakteur der Taz und der Süddeutschen Zeitung. Als Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift „Dummy“ versucht er außerdem seit vier Jahren gegen den Mainstream zu publizieren. Auf Watch-Berlin betreibt er die Videoblogkolumne „Blattschuss“  .
Manuskript:
Ich hab so ziemlich mit jedem bedeutenden Chefredakteur hier im Land irgendwie schon meine juristischen Auseinandersetzungen gehabt, wo es teilweise wirklich um hanebüchene Kleinigkeiten ging.
Da geht es einfach darum – ohne mich jetzt hier zum Märtyrer aufspielen zu wollen – aber so’n bisschen mundtot gemacht zu werden.
Oliver Gehrs – Medienjournalist und Blattmacher. Der 39-Jährige sitzt in der Sonne vor seinem Büro in Berlin-Mitte. Ein großer, weißer Raum über zwei Etagen, den er sich mit zwei Kollegen teilt. Hier gibt er sein Magazin „Dummy“ heraus und schreibt unter anderem seine Medienkolumne „Dr. Med – was Sie schon immer über Medien wissen wollten“ für das Fachblatt „MediumMagazin“.
Was tatsächlich in Deutschland fehlt, ist eine fundamentale Kritik, die auch moralische Kriterien hat bei der Beobachtung von Medien. Es geht ja immerhin um eine Bewusstseinsindustrie. Wenn man sich zum Beispiel jetzt den Spiegel anguckt und seinen Plan, der gescheitert ist, die FTD zu übernehmen. Vor ein paar Jahren wollte der Spiegel noch die Taz übernehmen. Und keiner fragt, was ist das eigentlich für ein publizistisches Haus, wo’s einmal die Taz sein kann und dann die FTD?
Und schon ist man mittendrin in Oliver Gehrs Aufreger-Thema Nummer 1. Seine Stimme wird schneller, wenn er über die deutschen Medien und die mangelnde Kritik an ihnen spricht. Er selbst hat schon einige Redaktionen durch: Tagesspiegel, Taz, Berliner Zeitung, Spiegel, Süddeutsche Zeitung – und hat inzwischen den Respekt vor den Mainstream-Medien gründlich verloren.
Gucken Sie sich in Deutschland die Tageszeitungen an oder auch die Zeitschriften, die hangeln sich alle mit denselben Themen durch die Woche. Da ist eine Redundanz sondergleichen. Es gibt kaum noch eine Redaktion, die die Chuzpe hat, zu sagen, wir machen mal ein Thema, was nicht gerade die FAZ auf der Titelseite hat, sondern von dem wir glauben, das ist wichtig. Das ist in Deutschland ziemlich im Argen, verglichen mit angelsächsischen Medien.
In seiner Videoblog-Kolumne „Blattschuss“ lässt er sich einmal pro Woche über ein Thema aus. Oft hat er dabei den Spiegel im Visier.
Hallo, liebe Zielgruppe. Es gibt ja diese Disziplin des Jubiläums-Journalismus. Und man denkt immer, warum wird berichtet? Nur weil Jubiläum ist, oder gibt es tatsächlich etwas Neues? Diese Frage stelle ich mir auch diese Woche beim Spiegel. Gucken Sie mal, wer da in der Badewanne liegt. Das ist natürlich der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel….
Die neuen Möglichkeiten des Online-Journalismus versöhnen Gehrs mit den Medien. Zumindest ein wenig. Hier finde noch Grasswurzel-Publizistik statt, schwärmt er. Jeder könne sein eigener Redakteur und Verleger sein.
Heutzutage ist Verleger sein, Publizist sein, Autor sein, Journalist sein, findet heute in viel größerem Ausmaß jenseits der großen Gatekeeper statt, die die Verlage früher mal waren, die uns die Ressourcen zur Verfügung gestellt haben, und dann bitte kommentiert man auch so, wie es die Chefredaktion oder das Management gern haben möchte. Und das ist doch alles sehr Mut machend, wie sich das alles demokratisiert hat durch das Internet, aber auch auf der Seite des Prints durch die Versuche der Independent-Blätter, eigene Sachen auf den Markt zu werfen.
Gehrs selbst hat bereits vor vier Jahren erfolgreich mit seiner Zeitschrift „Dummy“ den Markt irritiert. Das dicke, bunte Magazin mit langen Fotostrecken will Geschichten außerhalb des Mainstreams bringen. Jede Ausgabe hat ein einziges Thema: Verbrechen, Spaß, Tempo, Türken, oder, in der neuen Ausgabe: Ich. Passend dazu stellt sich auch Chefredakteur Gehrs zur Schau. Unter dem Titel „Wie eitel ist das denn“ posiert er als Modell für eine Modestrecke. Ein Spiel mit Selbstdarstellung und Eitelkeit, gibt er zu.
Journalisten sind bestimmt eitler, als andere Leute aus anderen Branchen. Es ist ja auch ein irres Privileg, seine Meinung publizieren zu können und der Öffentlichkeit um die Ohren hauen zu können. Aber ich bin da bestimmt nicht eitler als Henryk M. Broder oder Michel Friedman. (lacht) Eher weniger.
So leidenschaftlich wie er über die deutschen Medien herzieht, so schwer ist es vorzustellen, dass der gebürtige Paderborner nur eine einzige Tageszeitung liest, die FAZ. Und sowieso könne er eigentlich auch ganz ohne Zeitungen, Fernsehen und Internet, behauptet er. Am Wochenende zum Beispiel, wenn er mit seinen beiden Kindern zum Fröschefangen ins Ferienhaus fährt. Am Montag wartet dann ja zum Glück wieder der Spiegel auf ihn.