• 20. Februar 2009 13:02
  • Off-Air, Sendung vom 21.02.2009

Longtail im Cockpit: Autoradios lernen Internet.


Angeblich hören 80% der Autofahrer während ihrer Fahrten Radio. Doch die Auswahl an Stationen besteht unterwegs maximal aus wenigen Dutzend UKW- und Mittelwellensendern. Für daheim gibt es längst erschwingliche WLAN-Radios, die tausende von Webradios und Streams von terrestrischen Sendern ohne Computer abspielen können. Auch immer mehr Mobiltelefone könnnen mittels eingebauter Webradio-Programme und UMTS-Verbindungen die Sendervielfalt ins Unendliche erweitern. Sogar der personalisierte Radiosender Last.fm funktioniert mittlerweile auf Handys, natürlich auch Deutschlandradio Kultur, die indischen Bollywoodmusik-Station CrazeFM oder der charmante Hamburger Musiksender byte.fm
Im Vorfeld der Computermesse CeBit hat der deutsche Car-Hifi-Hersteller Blaupunkt nun zwei Autoradios mit Webradio-Empfang angekündigt. Könnte damit die Vielfalt des Internet in die bodenständige Autowelt hinüberschwappen? Eher nicht. Die neuen Blaupunkt-Geräte gelangen nämlich nicht selbstständig ins Internet, hierfür braucht es zusätzlich ein UMTS-fähiges Mobiltelefon.
Die Annahme, dass man ein solches Handy bereits direkt als Abspielgerät für Radiosender nutzen könne, ist genauso richtig wie die Tatsache, dass die Funkstrahlung eines Handys ohne externe Antenne nur schwerlich aus dem faradayschen Blechkäfig eines Autos hinausgelangt. Im Auto ist der Empfang wird schlechter – und die Strahlenbelastung wächst.
Warum also hat Blaupunkt nicht gleich ein Autoradio mit Einschub für eine SIM-Karte und Anschluss für eine externe UMTS-Antenne angeboten, am besten mit Datenflatrate einer Mobilfunkfirma? Weil sich die Standards für Datentransfer alle Jahre ändern und Benutzer ohnehin die aktuellsten Handys als Datenbote besitzen, so die offizielle Begründung.
Preiswerter wären außerdem WLAN-fähige Autoradios, die sich, kaum im Radius des heimischen WLANs oder an einer Autobahnraststätte geparkt, die neuesten Podcasts abrufen und bei Abfahrt abspielen. So ließe sich auch die Bord-Musiksammlung prima mit der von Zuhause synchronisieren. Doch das sind Funktionen, die auch die immer verbreiteren Navi-Geräte vermissen lassen – und die nur bei selbstgebastelten Open-Source „CarPCs“ funktionieren.
Vermutlich möchte Blaupunkt erstmal abwarten. Mit den konkurrierenden Digitalradiostandards DAB und DVB-H sind digitale Rundfunk-Alternativen zu UKW und UMTS-Internet seit Jahren in der Entwicklung – doch DVB-H wurde zwischenzeitlich bereits als gescheitert erklärt und kaum einer besitzt hierfür Empfangsgeräte. Auch die Programmvielfalt ist niedriger als im grenzenlosen Internet.
Mindestens bis die Rundfunkanstalten zum Ende des Jahres einen Neustart von „DAB+“ realisiert haben, empfiehlt Breitband allen fahrenden Netzfüchsen ein Autoradio mit USB-Port für Podcasts, die am heimischen Rechner darauf abgespeichert werden – oder gleich ein modernes Smartphone mit Streaming-Software, welches per Kabel oder Mini-FM-Transmitter mit ganz normalen Autoradios verbunden wird. Dazu natürlich: eine Außenantenne. Wie beim normalen Radioempfang eben.

Foto: dsearls @ flickr / CC-GPL