• 19. Mai 2009 11:05
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Kuscheln mit Frau M. – Die Kanzlerin bei RTL


RTL hat mit „Townhall Meeting“ die Fernsehbegleitung für das Superwahljahr gestartet. Das TV-Format wurde in den USA entwickelt. „Der Politiker trifft hierbei auf eine begrenzte Menge mehr oder minder gecasteter Bürger, und wird in mehr oder weniger reglementierter Form von diesen zu mehr oder weniger abgesprochenen Themen befragt,“ definiert Tobias Moorstedt in der „Süddeutschen Zeitung“ das Setting. „Die Stadtversammlung hat eine lange Tradition in den USA. In den Townhall Meetings diskutieren die Einwohner der neuenglischen Siedlungen schon im 17. Jahrhundert die Belange der Gemeinschaft. Jimmy Carter veranstaltete im Wahlkampf 1976 zum ersten Mal ein Townhall Meeting, das im Fernsehen übertragen wurde.“
Zum Auftakt in Deutschland hat sich RTL viel vorgenommen. Kanzlerin Merkel war zu Besuch. Moderiert wurde die Sendung, die vorher aufgezeichnet worden war, von RTL-Anchorman Peter Kloeppel.
„Die Sendung war ein Armutszeugnis des politischen Journalismus“, meint Robin Meyer-Lucht auf cara.info. Statt Merkel mehr zu fordern, geriet das Townhall-Format nach RTL-Prägung zur Kuschelshow. Man konnte sich des Eindrucks nicht verwehren, dass hier vor allem eine Kanzlerin als kompetente Einzelfallberaterin der Nation dargestellt werden sollte. (….) Die Sendung bestand im Kern aus nichts anderem als der Verlängerung der Anne-Will-Betroffenheitscouch auf ein einstündiges Format. Politik wurde auf die Probleme und Ansichten von Betroffenen heruntergebrochen, die sich mit authentischer Geste an die Kanzlerin wenden durften.“
Für Christoph Bieber ist an diesem Abend eine große Stärke von Twitter deutlich geworden: „Nicht etwa der von RTL angebotene Live-Chat fungierte als Kanal für ein adäquates Online-Feedback, sondern der 140-Zeichen-Service verlängerte das Town Hall Meeting ins Internet (warum RTL während einer Aufzeichnung überhaupt einen „Live-Chat“ anbietet, bleibt das Geheimnis der Redaktion). Auf institutioneller Seite setzte die SPD mit „Nordkurve Live“ (vgl. @spdde; #nklive) der Kanzlerin einen „Fakten-Check“ entgegen, für die Grünen ging Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke mit bissigen Kommentaren an den Start (vgl. @SteffiLemke).
An dieser Stelle schon mal die Frage an die Vertreter der „etablierten Medien“ – wo war eigentlich der „professionelle Journalismus“ am späteren Sonntagabend? Jedenfalls nicht online. Die Wahlberichterstattung der überregionalen Tageszeitungen, aber auch der großen Fernsehsender gibt mit Blick auf die neuen Medien viele Rätsel auf.
Während Parteien und Politiker mit schöner Regelmäßigkeit für ihre Bemühungen um eine zeitgemäße Nutzung der digitalen Medien (Stichworte: Twitter, Facebook, YouTube) getadelt werden, glänzen Spiegel Online, Süddeutsche, Welt, FAZ und andere durch digitale Enthaltsamkeit – vor allem dann, wenn es um das Experimentieren mit neuen Formaten geht.“
Foto: Screenshot/RTL/carta.info