• 1. Mai 2008 21:05
  • Off-Air, Sendung vom 03.05.2008

Kanzlerin-Podcast, Part II, Der Kommentar


Ideen mit freundlicher Unterstützung  –  Die Debatte über Urheberrechte wird im Netz zu oberflächlich geführt.

Ein Kommentar von Ralf Müller-Schmid

         Die polemische Gegenüberstellung von reaktionärer Industrie und gesetzloser Netzcommunity ist naiv. Denn das Urheberrecht dient weder ausschließlich als Herrschaftsinstrument milliardenschwerer Konzerne wie Sony oder Microsoft, noch handelt es sich bei den liberalen Formen von Vertrieb und Verwertung im Internet nur um kriminelle Machenschaften von Download-Piraten.
Die Bundeskanzlerin ist mit ihrem etwas zu  neujahrsansprachenmässigen Video bei Bloggern auf scharfe Kritik gestoßen. Das zeigt auch, dass in der Sache erheblicher Klärungsbedarf besteht. Dass sie das Problem in einfachen Worten auf den Punkt bringen wollte, muss man ihr jedenfalls zugute halten –  denn das schafft in der manchmal selbstgefälligen Blogosphäre auch nicht jeder.
Die Idee, dass sich an Ideen Rechtsansprüche binden, finden nur diejenigen seltsam, die noch keine eigenen hatten – oder die mit ihrem Kopf kein Geld verdienen müssen. Urheberrechte sorgen zum Beispiel dafür, dass freie Autoren überhaupt von ihrer Arbeit leben können. Sie sind keine kapitalistische List, sondern Ausdruck einer über Jahrhunderte entwickelten Wertschätzung kultureller Leistungen.
Der antikommerzielle Gestus, der Google die globale Vorherrschaft einbrachte, spielt sich dagegen nur an der Oberfläche ab. Es liegt auf der flachen Hand, dass im Internet Dienste nur deshalb gratis angeboten werden, weil Werbekunden den Spaß gegenfinanzieren. Abermillionen Facebook- und Myspace-User haben damit kein Problem, würden aber wahrscheinlich einen Aufruf gegen Urheberrechte unterschreiben, weil sie glauben, der juristische Eigentumsbegriff sei eine Fessel für ihre Kreativität.  Derweil geben sie freizügig ihre privaten Daten zur kommerziellen Verwertung frei und freuen sich, dass im Internet alles umsonst zu haben ist.
Auch die zukünftige Online-Ausgabe des Brockhaus soll nichts kosten. Neben dem Artikel zu Migräne gibt es dann halt einen Link zum richtigen Schmerzmittel. „Das kostenlose Weltwissen wird ihnen präsentiert von …“, auch damit es dazu nicht kommt, gibt es Urheberrechte.

Ralf Müller-Schmid