• 6. Februar 2010 13:02
  • Digitale Kultur, Netztheorie, Sendung vom 06.02.2010, Topic

Jaron Lanier räumt auf – zu Recht?


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Für die einen ist er ein Guru – für die anderen das genau Gegenteil. Der Internetpionier Jaron Lanier hat ein neues Buch veröffentlicht: „You are not a Gadget: A Manifesto“ heißt es und ist im Januar erschienen. Seit dem äußern sich vor allem im Netz viele Empörte über den „abgefallenen Propheten“ – wie er genannt wird. Der amerikanische Informatiker und Autor geht in dem Band nämlich äußerst hart mit dem Internet ins Gericht und verdammt im Grunde alles, was den Verfechtern einer offenen Netzkultur lieb und teuer ist. In der Sendung haben wir mit unserem Kritiker Philipp Albers gesprochen, der die Hauptkritikpunkte Laniers auch nochmal schriftlich zusammengefasst hat: 

Worum geht es Lanier in seinem Buch?
Lanier formuliert eine weitreichende Kritik an dem, was er als die vorherrschende Ideologie des Web 2.0 ansieht: Diese Ideologie stellt, so Lanier, die anonyme Masse über die individuelle Erfahrung des Einzelnen, nimmt generell Informationen wichtiger als Menschen und entwertet mit dem Dogma freier Verfügbarkeit die Produktion menschlicher Kreativität. Er verdammt also in seinem „Manifest“ – so der Untertitel – so gut wie alles, was den Verfechtern einer offenen Netzkultur, die in der digitalen Revolution vor allem Positives sehen, lieb und teuer ist.

Worauf stützt sich seine Kritik?
Sein Ansatzpunkt ist die Erkenntnis, dass wir in unserem Verhalten und unseren Erfahrungen in hohem Maße von Technologien geprägt werden. Überspitzt gesagt: das Design von Technologien bestimmt unser Sein und unser Bewußtsein. Zunächst sind wir frei darin, wie wir eine bestimmte Software oder die Architektur eines Netzwerks entwerfen. Gerade Software und Informationstechnologie allgemein neigen jedoch aufgrund ihrer wachsenden Komplexität dazu, sich in ihrer Struktur zu verfestigen und weitere Entwicklungen von dieser Struktur abhängig zu machen. Dieser Prozess wird als „lock-in“ bezeichnet und kann ein wesentliches Hindernis für weitere Innovationen sein. Lanier nennt das Beispiel MIDI: ursprünglich von einem Synthesizer-Designer als ein Hilfsprogramm entwickelt, um musikalische Noten für die Tastatur seines Keyboards darstellbar zu machen, hat sich MIDI als allgemeiner Standard der digitalen Musikbearbeitung durchgesetzt, auch wenn es z.B. für den Klangverlauf von Blas- oder Streichinstrumenten gar nicht gedacht war und deutlich schlechter geeignet ist. Aber jetzt müssen alle musikalischen Ereignisse durch den Kanal MIDI. Ähnliches sieht Lanier für allgemeinere Strukturen des Netzes am Werk. Wenn Facebook mit seinen vorgegebenen Eingabfeldern der Quasi-Standard ist, wie wir unsere Identität im Netz präsentieren, dann, so Lanier, reduzieren wir unsere Individualität auf diese Multiple Choice Optionen.

Lanier spricht von „digitalem Maoismus“. Was meint er damit?
Lanier glaubt, eine neue Religion identifiziert zu haben. Die der Web-Enthusiasten, die Open Source, Schwarmintelligenz, Cloud Computing, Mash-Ups, Filesharing und eine entstehende kollektiv-künstliche Intelligenz – von jemandem wie Ray Kurzweil als „Singularität“ bezeichnet – als Befreiung der Menschheit predigen. Er bezeichnet diese Apologeten der Netzkultur polemisch als „kybernetische Totalitaristen“ oder auch als „digitale Maoisten“, weil sie das Netzwerk der Individuen und ihrer Äußerungen zu einem kollektiven Einheitsbrei aus feingehackten, recycelten, kopierten und bedeutungslosen Informationen pürieren. Dem will er einen digitalen Humanismus entgegensetzen, der den Einzelnen in seiner unhintergehbaren Individualität wieder in den Mittelpunkt stellt. Diese Sichtweise ist insofern problematisch als sie sehr stark vereinfacht und in gängige Schlagworte eine Ideologie hineindeutet ohne sich differenziert mit den dahinterliegenden Konzepten auseinanderzusetzen.

Was sind die konkreten Auswirkungen dieser Netzreligion?
Lanier beklagt die Verachtung für Qualität, die seiner Meinung nach das Web 2.0 dominiert. Aus einer Million Kommentare wird kein interessanter Gedanke, auch wenn man noch so smarte Algorithmen und statistische Auswertungen anwendet. Die Anonymität im Netz fördert zudem eine digitale Mob-Mentalität. Individuelle Autorschaft ist am Ende: die Dynamik von crowd, free content und großen Aggregatoren (ver-)führt die User dazu, nur noch Fragmente zu liefern und zu remixen anstatt eigenständige und in sich geschlossene Argumente und Werke zu produzieren. Insgesamt ist Kultur nicht mehr innovativ. In der Musik beispielsweise sieht Lanier seit den Neunzigern nur noch Retromoden und Mash-Ups am Werk. Es fehlt am Willen zur Originalität, etwas wirklich Neues zu kreieren. Außerdem führt der Ruf nach free culture dazu, dass Kreative von ihrer Arbeit nicht mehr leben können. Inhalte haben im Netz keinen Wert mehr, das einzige womit sich Geld verdienen läßt, sind Anzeigen. Dieser Markt wird von Google beherrscht. Für Musiker haben sich die großspurigen Versprechen nach neuen Einkommensquellen nicht erfüllt. Die kreative Mittelklasse stirbt aus. Geld verdienen nur die „Herren der Wolken“ wie z.B. Google, während die gemeinen Nutzer als digitale Kolchose-Bauern kostenlos user generated content erstellen. Das ist Laniers düstere Vision.

Ist er also bloß ein Kulturpessimist, der eine auf tradierten Werten von Individualität, Autorschaft und Qualität fußende Kultur bewahren will?
Lanier ist sicherlich kein klassischer Kulturpessimist und Maschinenstürmer, der neue Technologien in Bausch und Bogen verteufelt. Dazu ist er viel zu sehr ein Kind genau dieser Netzkultur. Schließlich hat er in den 80er Jahren den Begriff „Virtual Reality“ bekannt gemacht, an den ersten immersiven Virtual Reality Umgebungen mitgearbeitet und früh Videospiele entwickelt. Seine Überzeugungen gründen sich auf einem naiv anmutenden Humanismus, der die Entfaltung des Einzelnen gegen den kollektiven Furor der Massen im Netz bewahren möchte. Es schimmert auch immer wieder Nostalgie für die guten alten Tage durch, als das Netz noch nicht kommerzialisiert war und von einer überschaubaren Anzahl von Geeks und Wissenschaftlern und nicht vom Mainstream geprägt war. Wenn er dafür individuell gestaltete persönliche Homepages aus den Frühzeiten des Web anführt, mutet auch das ein wenig naiv an. Insgesamt scheint er mir aber den klassischen Fall eines Renegaten darzustellen, der von seinen früheren Überzeugungen abgefallen ist und diese nun umso heftiger als eine falsche Religion attackiert. Er macht das mit teils erfrischender Polemik, die sich aber zu oft in überzogenen Verallgemeinerungen verliert und angesichts der Tragweite der von ihm aufgeworfenen Fragen zu oberflächlich argumentiert

Sieht er denn auch etwas Positives? Was sind seine Lösungsvorschläge?
Durchaus. An manchen Stellen ist er dann doch differenzierter in seinen Betrachtungen, was aber oft hinter der Polemik verschwindet. So sieht er im „wisdom of the crowds“ zwar keine zu feiernde kollektive Intelligenz am Werk. Sie ist kein Wert an sich sondern ein Tool, das in bestimmten Fällen nützlich sein kann. Z.B. bei Abstimmungen oder in der Wissenschaft bei anonymisierten Peer Review Verfahren. Nicht geeignet ist die Weisheit der Masse laut Lanier da, wo komplexe Antworten erforderlich sind, z.B. im Produktdesign. Was die Bezahlung von Inhalten im Netz angeht, plädiert Lanier für ein universelles Micropayment-System, wie es der Hypertext-Visionär Ted Nelson bereits Anfang der 60er Jahre vorgeschlagen habe. Solch ein System könne nur von den Staatsregierungen installiert und durchgesetzt werden. Darüberhinaus bleibt dieser Vorschlag aber sehr vage.
Am interessantesten sind noch die Ausblicke, die er in den letzten Kapiteln seines Buches entwirft. Wenn er dort etwa über eine Virtual Reality spricht, die uns erlauben würde, intuitiv mit unserem Körper die Gestalt und Farben unserer digitalen Avatare zu ändern und zu steuern, so wie ein Oktopus sich blitzschnell das Aussehen einer Koralle geben kann, dann merkt man die kindliche Begeisterung für die Möglichkeiten digitaler Technologien, die Lanier antreibt.

Wie stichhaltig sind seine Thesen?
Mich hat das Buch insgesamt wenig überzeugt. Lanier reißt zwar wichtige, philosophisch tiefschürfende Fragen über unser Verhältnis zum Netz und zu digitalen Informationstechnologien an. Aber er entwickelt diese Fragen nicht kohärent und setzt sich auch nicht wirklich mit seinen Gegnern auseinander, sondern versteift sich darauf, eine vermeintliche Ideologie abzukanzeln, die in meinen Augen längst nicht so dominant und undifferenziert ist, wie er das darstellt. Zum Teil mag das auch mit dem Aufbau des Buches zusammenhängen. Man merkt deutlich, dass es nicht aus einem Guss geschrieben, sondern aus früheren Artikeln, Kolumnen und Kommentaren entstanden ist. Das führt zu einigen Wiederholungen und einer nicht immer flüssigen Argumentation, denn Lanier wechselt oft unvermittelt zwischen konkreten Beispielen und sehr allgemeinen Aussagen über Kultur und Technik. Außerdem ist vieles für Kenner von Lanier nicht unbedingt neu. Den „kybernetischen Totalitarismus“ beschrieb er schon 2000 in Wired, und sein Aufsatz über „digitalen Maoismus“ provozierte 2006 auf edge.org zahlreiche Reaktionen. Aber hierzulande scheint er zur Zeit den Kritikern und Kulturpessimisten aus den alten Medien, wie etwa Frank Schirrmacher, vermeintlich neue Munition in der Auseinandersetzung um die künftige Entwicklung der Netzkultur zu liefern.

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