• 16. Oktober 2010 14:10
  • Medien und Meinungen, Sendung vom 16.10.2010

Große Pläne und Ironie von den Münchener Medientagen

Medien und Meinungen der Woche


Vera Linß hat in dieser Woche die Medien und Meinungen zusammengestellt. Der von Google initiierte Expertenkreis „Internet und Gesellschaft Collaboratory“ hat seinen zweiten Bericht vorgelegt. Diesmal ging es um Open Government, E-Partizipation und Open Data. Drei Monate lang hatten sich Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft mit der Frage beschäftigt, wie das Internet stärker genutzt werden kann für eine politische Beteiligung der Bürger. Dazu wurde zunächst eine Umfrage gemacht, die ergeben hat, dass 71 Prozent der Befragten über das Netz stärker in staatliche Entscheidungsprozesse einbezogen werden wollen, allerdings glauben nur 45 Prozent, dass Open Data, also die Öffnung nicht-personenbezogener Verwaltungsdaten die Arbeit der Behörden wirkungsvoller machen kann. Der Expertenbericht schlussfolgert daraus, dass ein Dialog über Chancen, Risiken, Kosten und Nutzen von Open Data nötig ist, um die Akzeptanz dafür zu erhöhen schließlich gibt es eine lange Liste der Argumente, die gegen Open Data angeführt werden. Die Argumente, die dagegen angeführt werden, sind Datenschutz, Datenqualität, Probleme bei der Herleitung und damit die Gefahr von Fehlinterpretation sowie das Missbrauchsrisiko. Außerdem gibt es Bedenken hinsichtlich der kommerziellen Nutzung der durch Steuergelder finanzierten Daten sowie einer möglichen Gefährdung etablierter Geschäftsmodelle. Kritisiert wird im Expertenbericht außerdem, dass exklusive Verträge zwischen Behörden und Unternehmen vor allem im Geodatenbereich geschlossen würden. Den Behörden empfiehlt der Bericht die Einrichtung von Datenkatalogen, die die Auffindbarkeit von Verwaltungsdaten verbessern können und eine besondere Herausforderung sehen die Experten in der „fehlenden Kultur der Informationsfreiheit in den Köpfen der Beteiligten“ in Deutschland .

Das zweite Thema der Woche ist die Idee, eine gemeinsame Web-TV-Plattform der großen deutschen TV-Anbieter zu schaffen – eine Art Zentralmediathek. Breitband hat schon über die Pläne der privaten Fernsehveranstalter berichtet, eine gemeinsame Internet-Plattform für Fernsehsendungen zu schaffen, und zwar planen die Hauptkonkurrenten im Privatfernsehen – RTL Deutschland und die ProSiebenSat.1 Media AG ein solches Angebot. Derzeit prüft das Bundeskartellamt, ob sie so eine Zusammenarbeit im Netz genehmigen können. Die Plattform soll nicht nur die Sender der beiden Gruppen umfassen, sondern auch öffentlich-rechtliche Anstalten sowie andere private Anbieter aus Deutschland und Österreich umfassen. Bislang sah es so aus, als wollten sich die öffentlich-rechtlichen nicht an so einer Plattform beteiligen und der Traum einer senderübergreifenden Zentralmediathek schien geplatzt. Nun gibt es andere Signale, wie ZDF-Intendant Markus Schächter auf den Medientagen in München in dieser Woche auf die Frage sagte, ob er sich eine Beteiligung seines Senders an so einer Plattform vorstellen könnte.

Eine andere spektakuläre Meldung hat uns von den Münchner Medientagen erreicht. Twitter soll als Rundfunkangebot angemeldet werden. Das Ganze ist ein Joke, der aber auf ein ernstes Problem verweist. Die Isar-Runde, eine „Video-Gesprächsrunde Münchner Medienschaffender über den Einfluss digitaler Entwicklungen auf unser tägliches Leben”, hat bei der bayrischen Landeszentrale für neue Medien ihren Twitterkanal als Rundfunk angemeldet. Sollten die Medienwächter dies bestätigen, kämen auf die Isarrunde und wahrscheinlich viele andere eventuell Kosten von bis zu 5.000 Euro für die Medienaufsicht zu. Hintergrund ist die Rede von Ministerpräsident Horst Seehofer, der auf den Medientagen sagte, Internet ist Rundfunk. Der Geschäftsführer der Bayerischen Medienaufsicht präzisierte später, dass Onlineangebote nur dann rundfunkähnlich seien, wenn sie linear und suggestiv seien und ab 500 Nutzer erreichen würden. Die Isarrunde erreicht mit ihrem Twitter-Account mehr als 500 Follower, hält sich nun für ein Rundfunkangebot und weist aber eigentlich auf die Frage hin: Wie ist das Internet zu regulieren? Kann man die Prinzipien aus der Offline-Welt aufs Netz übertragen? Das dürfte sicher auch die Zeitungsverleger interessieren.