• 1. Mai 2008 21:05
  • Off-Air, Sendung vom 03.05.2008

Gegenschlag: Quoten, Klicks und Kohle


Die Gefechte werden heftiger, die Bandagen härter. In dem 45-minütigen Feature „Quoten, Klicks und Kohle“ stieg gestern abend der SWR-Chefreporter Thomas Leif im Ersten zwar spätnachts, dafür aber höchstpersönlich in den digitalen Ring. Es ging um die Zukunft der Öffentlich-rechtlichen im WWW und die Horrorszenarien, die weite Teile der deutschen Zeitungsverleger und Privatrundfunker mit Blick auf den Medienmarkt zur Zeit an die Wand zeichnen („Die Enteignung der freien Presse“ FAZ). Und das alles vor dem Hintergrund laufender Debatten und Dispute zwischen Sendern, Verlegern und Staatskanzleien rund um das so harmlos wirkende deutsche Kompositum „Rundfunkstaatsvertrag“.
Das Feature hat Tempo, manchmal sogar Dynamik. Die Bilder sind hübsch fotografiert. Frische Perspektiven heißt so etwas wohl in TV-Abteilungsleiter-Deutsch. Thomas Leif sieht zwar aus wie ein Klon von Denis Scheck und bewegt sich auch so, aber er kommt auf den Punkt. Seine Meinung ist unübersehbar, direkt und unverstellt. Nur hätte man dem Stück manchmal etwas mehr Abstand zum Auftraggeber gewünscht. Die Parteilichkeit ermüdet und diskreditiert unnötigerweise das berechtigte Anliegen. Bei aller berechtigten Häme über die klebrigen Niederungen des deutschen Privatfernsehens, hätte etwas Kritik an so manchem Irrweg der Öffentlich-Rechtlichen auch mal ganz gut getan. Casting- und Kuppelshows, sinnarme Best-Ofs, distanzlose Kumpelei mit fragwürdigen Sportverbänden, stundenlange Ratespielchen und und und.
Summasumarum wird die aktuelle Umwälzung der Medien zu einem Duell des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks und der privaten Medienwirtschaft verdichtet. Mittels unverblümten Klartext-Statements von beiden Seiten wird klar, die Parteien schenken sich nichts. Im Finale furioso scheint dann gleich die gesamte Zukunft der deutschen Medienlandschaft auf dem Spiel zu stehen. Begriffe wie Untergang des  Qualitätsjournalismus, Verzerrungskampagne, Negativliste und Lobbyismus zirkulieren. Es geht um die Unabhängigkeit der Presse, den Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender, die Manipulierbarkeit öffentlicher Meinung und die von Funktionären und Politikern in den über allem thronenden Gremien. Alles rasend schnell erzählt und zusammengeschnitten. Bildwechsel, Ortswechsel, Gesprächspartnerwechsel. Vieles überzeugt, anderes irritiert. Zuweilen wird aus Argumentation Überwältigung, aus Differenziertheit der große Es-geht-ums-Überleben-Abwasch. Daß eine Online-Prominente wie Mercedes Bunz oder der schon etwas abwesend wirkende Ulrich Wickert dabei mächtig unter die Räder kommen, amüsiert am Rande und steigert den Unterhaltungswert.
Dabei bleibt aber dann eine zentrale Frage ungestellt: Ist dieser deutsche Konflikt das Kardinalproblem der heutigen Medienlandschaft? Ist Deutschland eine Sonderverwaltungszone im weltweiten Gewebe? Kein Wort über Quasi-Monopole a la Google, kein Wort über Investmentfonds, die Medienhäuser kaufen und plündern, kein Wort über eine junge Zielgruppe, die weder das eine (die öffentlich-rechtlichen Medien), noch das andere (die privat-wirtschaftlichen Qualitäts-Zeitungen) länger liest, hört und sieht, kein Wort über die Neustrukturierung von Wissen und Sozialstrukturen, die notwendige Öffnung der Archive, die Revolution in den Bibliotheken und so weiter und so fort.

Es wird höchste Zeit über die Inhalte der Medien, die Transformation des Wissens nachzudenken. So wichtig der momentane Konflikt ist, so elementar die adäquate Präsenz der öffentlich-rechtlichen Medien im Netz ist (und zwar in Schrift,Ton, Bild und Bewegtbild; oder glaubt jemand tatsächlich, daß Sender eine Überlebenschance haben, wenn sie sich auf eine Art Onlineprogrammheft reduzieren? Dann könnte man die Finanzmittel die der öffentlich-rechtlichen Rundfunk für das Netz ausgibt gleich der Welthungerhilfe, Miserior oder vielleicht besser Rporter-ohne-Grenzen schenken), ohne diese Debatte werden beiden Lagern die Existenzberechtigungen abhanden kommen.

Markus Heidmeier / Redaktion Breitband