• 10. Juni 2010 16:06
  • Netzpolitik, Off-Air, Sendung vom 12.06.2010

Erster Wikileaks-Informant aufgeflogen?

Geheime Dokumente sollen von einem U.S.-Soldaten stammen


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Zum ersten Mal soll ein Informant der Whistleblower Wikileaks enttarnt worden sein, der der Plattform heikle, vertrauliche Quellen zugespielt hat. Dazu geführt hat demnach kein „Leak“ auf der Plattform, sondern die Redseligkeit des Informanten selbst.

Nach eigenen Angaben sammelt Wikileaks keine Daten über Informanten, alles Material kann dort anonym eingereicht werden. Um Informanten zu schützen, liegt der Sitz von Wikileaks in Ländern, die Quellenschutz garantieren. Nur vor sich selbst schützen kann Wikileaks niemanden.

So hat ein im Irak stationierter Datenanalyst des amerikanischen Militärs angeblich in einem Chat mit einem ehemaligen Hacker ausgeplaudert, Wikileaks das Rohmaterial zum Video „Collateral Murder“ und weitere geheime Dokumente zugespielt zu haben. Sein Gesprächspartner gab das Chat-Protokoll an den Geheimdienst FBI weiter – und an seinen Bekannten Kevin Poulsen, Ex-Hacker und Journalist, der Auszüge daraus im Magazin Wired veröffentlichte. Mittlerweile sitzt der Geheimnisverräter in Untersuchungshaft in Kuwait, teilte das Pentagon mit.

Echt, geheim, gesellschaftlich relevant, so lauten die Kriterien, nach denen Wikileaks vertrauliches Material veröffentlicht. Für Regierungen und Unternehmen haben viele der Quellen aber noch eine weitere Qualität: Illegal. Denn oft verletzen die Veröffentlichungen auf Wikileaks Rechte, von Persönlichkeitsrechten bis zum Schutz nationaler Sicherheit. Dass Dokumente trotzdem ins Netz gestellt werden, begründen die Betreiber von Wikileaks mit der gesellschaftlichen Bedeutung der darin enthaltenen Informationen.

Neben dem Filmmaterial soll der festgenommen Informant noch weitere brisante Interna an Wikileaks geschickt haben: Ein ebenfalls kürzlich veröffentlichtes geheimes Strategiepapier des Pentagon gegen Wikileaks sowie hunderttausende diplomatische Telegramme. Letztere lagen dem Whistleblower laut Wired-Bericht besonders am Herzen, sie seien extrem brisant. Wenn das stimmt, könnte ihre Veröffentlichung eine außenpolitische Katastrophe für die USA bedeuten, warnen Kommentatoren. Wikileaks-Sprecher Julian Assange dementierte gegenüber der BBC, von diesen Quellen zu wissen.

Wie die Frankfurter Rundschau berichtet, reagieren die Mitglieder von Wikileaks wütend. So ließen sie vermelden, die Hacker seien nicht glaubwürdig und verletzten grundsätzliche journalistische Prinzipien wie den Informantenschutz. Die Wut gipfelte in einer öffentlichen Twitter-Mitteilung an den Wired-Autor und seinen Informanten, „ein besonderer Platz in der Hölle“ sei schon reserviert.

Verschwörungstheoretikern bietet vor allem das Strategiepapier gegen Wikileaks, das angeblich vom selben Informanten stammt, Stoff für Spekulationen: Dort wird Wikileaks zur Gefahr für die U.S. Army erklärt. Eine der Strategien zur Schwächung der Plattform: Festnahmen von Informanten als Abschreckungsmittel. Ist das die neue politische Linie Obamas, wie der Spiegel vermutet?

Die Pläne aus dem geleakten Geheimdienst-Dokument gegen Wikileaks werden jedenfalls wahr. Die Festnahme eines Whistleblowers schürt Angst, ob es sich bei dem Festgenommenen um den echten Informanten handelt oder nicht. Ob das der Fall ist, kann nicht mal Wikileaks bestätigen – sie sammeln laut eigenen Angaben keine Infos.