• 4. Oktober 2007 22:10
  • Portrait, Sendung vom 06.10.2007
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Der amerikanische Videokünstler Matthew Barney


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Der amerikanische Videokünstler („Cremaster Series“) erhält am 6.10. den Kaiserring der Stadt Goslar.
Ein Portrait von Alexandra Mangel:

(Bild: AP)
Manuskript:
Ein Rodeo in der Salzwüste von Utah. In einer schneeweißen Salzarena reitet ein Mann einen mächtigen Bullen. Es ist eine Szene aus Matthew Barneys Video Cremaster 2. Begleitet von Musik des Filmkomponisten Jonathan Bepler. Die Landschaft wirkt außerirdisch.
 „Das ist das Große Salzbecken im Norden Utahs und im Süden Idahos, das Gelobte Land der mormonischen Siedler. Ich bin nicht weit davon aufgewachsen. Ich habe diese Gegend also aus sehr persönlichen Gründen gewählt – aber und ich habe auch die Mythen dieses Ortes gesucht.“
 Der „Cremaster“ ist der Muskel, der beim Mann die Hoden hebt und senkt. Der Cremaster-Zyklus ist Matthew Barneys bislang umfangreichstes Werk. Ein völlig rätselhafter Videokunst-Kosmos. Zehn Jahre hat Barney an den fünf Filmen gearbeitet. Entstanden ist eine opulente Bilder-Orgie in Hollywoodqualität, die zeigt, wie sehr sich die Videokunst in den 90er Jahren verändert hat.
 „Ich habe damit angefangen, dass ich als Student mit einer Videokamera einfach Körperbewegungen aufgezeichnet habe – oder einen Freund gebeten habe, mich während einer Performance zu filmen.“
 Das war, als Barney Ende der 80er Jahre zum ersten Mal in der New Yorker Kunstwelt von sich reden machte. Als er nackt durch einen New Yorker Galerieraum kletterte.
 „Langsam wurden diese Aktionen immer aufwendiger – und irgendwann habe ich angefangen, sie technisch zu bearbeiten. Aber immer wenn eine Szene kommt, die körperlich nicht zu machen ist, für die ich einen „Special Effect“ brauche, macht mir das richtig Sorgen! – und ich versuche, so lange wie möglich dieser Technik zu widerstehen, unabhängig von dieser Technik zu bleiben!“
Sorgenvolle Zeiten demnach. Denn ob nun mehr Eis in einen Fluss gezaubert oder ein perfekt symmetrischer Tierkreis geschaffen werden muss – Barney nutzt die besten digitalen Grafikprogramme der Welt, um Faszination und Horror des perfekten Bildes in seinem Kosmos in Szene zu setzen.
 „Ich misstraue diesem Streben nach der geschlossenen Form. Seit meinen Anfängen als Künstler ging es mir darum, das anzuzweifeln. Alle meine Geschichten kreisen letztlich um genau diesen Zweifel.“
4 Millionen Dollar hat allein Cremaster 3 verschlungen. Wesentlicher Kostenpunkt: Die Skulpturen und Ausstattungsdetails, die Barney mit einem ganzen Stab von Mitarbeitern in seinem New Yorker Atelier fabriziert: Fantastische Masken aus Silikon und Vaseline. Prothesen, angefertigt von einem Spezialisten aus der Horror-Branche. Nach Drehschluss werden sie ausgestellt und vermarktet – aber nur auf der Leinwand entfalten sie ihre volle Wirkung:
 „Zum Beispiel wenn 25 Tonnen Vaseline in den Laderaum eines Walfängers gefüllt werden. Das kann man schlecht ausstellen!“
  „Superstar der Videokunst“ hat man Matthew Barney genannt, aber wenn man ihm dieser Tage in Goslar begegnet, vermittelt sich ein völlig anderer Eindruck: Sehr freundlich. Sehr zurückhaltend. „Das Ding ist größer als ich!“ sagt er zum Schluss und zuckt dabei leicht mit den Schultern. Und man nimmt ihm das sogar ab.
 Filmmusik von Jonathan Bepler – Rodeo in der Salzwüste
 „Ich denke, ich habe eine eigene Sprache – sie hat keine konkrete Form – aber Materialien, auf die sie angewiesen ist.“

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