• 21. März 2009 14:03
  • Besprechung, Sendung vom 21.03.2009

„Den Longtail von hinten aufrollen“ – das Berliner Startup Textunes“


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Den deutschen E-Book-Reader-Start machte der japanische Hersteller Sony, der jünst auf der Leipziger Buchmesse sein Lesegerät PRS-505 präsentierte und in Kooperation mit den Buchhändlern Libri.de und Thalia bundesweit verkauft. Auch Google ist neuerdings bei Sony im Boot und verbreitet dort Berge an eingescannten Archivmaterialien. Immerhin ein Anfang. Doch der Markt ist längst nicht gesättigt; weitere, hübschere und praktischere Geräte wie  der Plastic-Logic-Reader und der Open-Source basierte Textr-Reader werden im Laufe dieses Jahres erwartet.

Doch lohnt sich das Warten auf neue Lese-Geräte überhaupt? Immer mehr Deutsche besitzen Smartphones wie das Apple iPhone oder das Google-Phone G1 – und auch auf deren großen Touch-Bildschirmen lassen sich auch E-Books lesen. Hier sind technische Probleme weitgehend überwunden, es hakt vielmehr an umfangreichen deutschsprachigen Angeboten der Verlage. Zwar gibt es sowohl ein Amazon-Kindle-Software für das iPhone, doch das funktioniert nur in den USA. Die iPhone-Software „Stanza“ unterstützt zwar zahlreiche Formate – doch um die deutschsprachigen Inhalte muss sich der User selbst kümmern. Aktuelle Bestseller-Belletristik ist  auf dem iPhone noch nicht zu haben; immerhin finden sich im Netz zahlreiche Klassiker-Archive mit rechtefreien Texten von Aristoteles über Goethe und Heine bis Stefan Zweig.

Den Longtail von hinten aufrollen könnte jetzt das Berliner Startup Textunes. Der Kreuzberger Onkel&Onkel-Verlag hat in Zusammenarbeit mit der Programmierfirma
TheCode eine weitere, unspektakuläre iPhone-Lesesoftware entwickelt – das wirklich Neue ist jedoch das Verlagsprogramm. Rund 15 Verlage sind dabei, darunter auch der Eichborn-Verlag und Hoffman und Campe. Am besten verkauft sich die „Schweigeminute“ von Sigfried Lenz. Und einige Großverlage stehen angeblich kurz vor Vertragsabschluss. Textunes übernimmt für sie das digitale Lektorat, passt die Inhalte an die Bildschirme an – und vertreibt die Bücher als spezielle Textunes-Applikationen in Apples Appstore.  Die Software selbst tritt kaum in Erscheinung, wer für 0 bis 15 Euro ein Textunes-Buch erwirbt, sieht auch nur dieses und kann sich mit Bildschirmberührungen elegant durch den Text und durch Grafiken bewegen. Das funktioniert sehr gut und intuitiv. Bei Textunes feilt man indessen an Erweiterungen. Das GPS-gestützte iPhone kann beispielsweise als intelligenter Reiseführer für die unmittelbare Umgebung dienen – wer zum Beispiel die Telefonummer eines empfohlenen Restaurants anklickt, der wird ohne weitere Umstände telefonisch verbunden. Auch eine digitale Kommentar und Trivialspalte für Leser wäre sinnvoll – so würde die Kommunikation ganz Web 2.0-mäßig in beide Richtungen fließe.

Wie immer man das iPhone dreht und wendet – als perfektes Lesegerät ist es aufgrund seiner Größe nicht geeignet. Schon allein der hohe Batterieverbrauch und sein Hosentaschenformat limitieren seinen Literatureinsatz auf den mobilen Zwischendurch-Einsatz. Auch Textunes sieht die Lage realistisch und möchte Verlage überzeugen, Textunes-eBooks auch als praktische Beigaben zu echten Büchern anzubieten. So sind iPhone-E-Books auch zu verstehen. Als schnelle Zwischenmahlzeit unterwegs, als Fachbuch-Nachschlagewerk oder Reiseführer. Denn eines hat sich in den letzten zehn Jahren nicht verändert: die Vorteile von Papier.
Rezension von Moritz Metz