• 28. Juli 2008 12:07
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„Das Homeoffice ist der Tod der Körperpflege.“


Dies ist einer von einigen hundert Tweeds (=Twittereinträge), die am vergangenen Samstag im Berliner Prenzlauer Berg im NBI auf der (vermutlich) weltweit ersten Twitterlesung vorgetragen wurden. Eine kleine Liste der Highlights:

poetisch: „Ich kann aus meinem Fenster eine Wolke anfassen“

alltagserfahren: „Kalorien sind die kleinen Dinger, die nachts die Kleider enger nähen.“„Die Welt dreht sich auch ohne Alkohol.“

alltagserfahren 2: „Ich war draußen. Schrecklich. Überall Leute und man kann sie nicht unfollowern.“

resigniert: „Email von Gott bekommen. Leider nur als forward.“
 
Welches der beste Tweed ist, darüber konnte man sich auf der Twitterlesung eine Meinung bilden. Etwa 200 Zuschauer (unautorisierte Schätzung der Red.) haben sich das nicht nehmen lassen. Das NBI bebte in der Hitze der Sommernacht und der Enge der Massen immer wieder vor Lachen. Dass Tweeds eine literarische Qualität haben, ist für den Mitorganisator der Lesung, Sascha Lobo, unbestritten. Zwar sei 99 % (technologiehalber) Schrott, das eine Prozent habe aber zumindest formulierungstechnischen Mehrwert, „wo man denkt, wie schade ist es, wenn der einfach im digitalen Nirvana verpufft“, so Lobo im Gespräch mit Breitband. Deshalb hätten er und das Team von twitkrit.de, einem Twitter-Literaturkritik-Blog, ca. 50.000 Tweeds durchforstet und ihre Auswahl nun einem Publikum präsentiert.

Auch der kulturelle Wert von Tweeds ist für Lobo klare Sache. „Wenn man sich die Kulturgeschichte anschaut, zeigt sich, dass die technische Begrenzung häufig auch eine Kraft war, die ganz neue Kreativitätsblüten hervorgebracht hat.“ Erste Ursprünge der 140-Zeichen-Kunst macht er gar bei Ernest Hemingway aus. Die beste Geschichte, die dieser nach eigener Aussage je geschrieben habe, sei die Short- Shortstory mit nur sechs Worten gewesen: „For sale baby shoes never worn.“ „Will sagen, ja, auch in der kurzen Form kann es Kunst geben im Text“, lautet das Fazit von Lobo.

Dass Tweeds und Poesie nicht allzu weit voneinander entfernt liegen, darauf könnte auch die Teilnahme von Bachmannpreisträger Tilman Rammstedt schließen lassen. Der „Stargast“ (die Veranst.) verlas am Samstag einige der ausgewählten Tweeds, nicht ohne diese, wie er selbst sagte, noch kunstvoll eingekürzt zu haben. Rammstedt selbst twittert allerdings nicht. Ob er nach der Veranstaltung, die er blitzartig nach getaner Arbeit verließ, zum Twitterer geworden ist, ließ sich nicht in Erfahrung bringen. Resümee des Abends: War das ganze nun ein großer Quatsch oder mehr? Um in Tweeds zu antworten:

Daumen hoch: „Hinter manchem Wort ein ganzer Kosmos.“
Daumen runter: „Ist die ganze Welt insgesamt vielleicht noch Beta?“

VLi / Red.
 
(Foto: Bunt und kryptisch wie die Twitterwelt – Zuschauer bei der [vermutlich] ersten Twitterlesung der Welt im Berliner Prenzlauer Berg)
Das ganze Interview mit Sascha Lobo mp3