• 2. November 2007 14:11
  • Sendung vom 03.11.2007, Topic

Cybermobbing und Onlinerache – Persönlichkeitsrechte im Netz


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Ein Beitrag von Philip Banse  

Auf Video-Portalen wie Youtube finden sich ungezählte Schüler-Videos, in denen Lehrer gedemütigt werden: Schüler ziehen ihnen die Hosen runter, filmen das Dekolleté ihrer Lehrerin oder halten das Videohandy unter ihren Rock. In Großbritannien ist dieses xx weit verbreitet. Auch deutsche Lehrer finden sich immer öfter an den Pranger gestellt, im Internet diffamiert und bloß gestellt, wie Freiwild, sagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des deutschen Philologenverbandes. Fotos von Lehrern würden in Pornos hinein moniert in Gewaltszenen aus Computerspielen:
Eine beliebte Form ist, dass einem Lehrer der Kopf weggeschossen wird. Da spritzt dann das Blut, der Kopf rollt runter und es wird im Untertext verkündet, warum der Lehrer den Tod verdient hat.
Almut Esselborn ist Deutschlehrerin in Hamburg. Sie wurde kürzlich von zwei Schülerinnen angesprochen: Die Lehrerin werde in einem Internetforum wüst beschimpft:
Da hat sich ein Schüler sich bitter über mich beschwert und hat eine ziemlich harte Beschimpfung gegen mein Aussehen, Alter und eben aus dem sexistischen Bereich verwand und wollte mich auch anspucken.
Unter dem Eintrag stand der Name des Schülers. Als die 59jährige den 12jährigen zur Rede stellte, wies der alle Vorwürfe zurück. Von solchen Fällen sind dem Philologenverband mehrer Dutzend bekannt. Eine Lehrerin verklagte das Spickmich.de, wo Schüler Lehrer anonym bewerten dürfen. Dabei. Dabei würden nur Noten vergeben, sagt Bernd Dicks von spickmich.de. Allerdings können die Schüler ihren Lehrern Zitate andichten:
Aber diese Zitate werden ganz explizit vor einer Veröffentlichung geprüft. Es gibt keine wirklich keine Möglichkeit – und da achten wir sehr penibel drauf – dass da irgendjemand diffamiert wird.
Am 6. November entscheidet das OLG Köln über die Klage einer Lehrerin, die sich von Spickmich verleumdet fühlt. Doch nicht nur Lehrer sind beliebte Opfer  – ungezählte Webseiten bieten auch Rachsüchtigen eine Plattform, um anonym nachzutreten. Onlinerache.de zum Beispiel gibt detaillierte Tipps, wie Gekränkte und Verschmähte ihren Kollegen, Nachbarn und Ex-Partnern das Leben schwer machen können, natürlich anonym. „Denn“, so ein Slogan der Seite, „was ist besser als die Vorlieben des Ex für seine Zwecke auszunutzen!?“ Nutzer Amelie Poulin rät verlassenen Frauen:
Ich würde ihn im Gayforum anmelden und jedem Interessenten seine Handynummer mitteilen.“
Das habe sie selber schon ausprobiert. All diese Tipps sind redigiert worden, Klarnamen würden sofort gelöscht, sagt Carsten Trojahn, Gründer von onlinerache.de, der nicht wollte, dass seine Stimme aufgezeichnet wird. Dass er mit seinen Rache-Tipps andere anstachelt, Menschen große Probleme zu machen, weist Trojahn von sich. Auf der Seite seien nur „allgemeine Tipps“ veröffentlicht, „Ideen, keine konkreten Handlungsanleitungen“.
Die lesen sich so: Nutzer Holger Lindig empfiehlt, bei verhassten Vorgesetzten helfe nur:
Terrorisieren! Luxusauto knipsen, als Schnäppchen bei Autobörsen anbieten. Dazu Telefonnummer, Email, Adresse. Als Zusatz: Bitte wegen Schichtarbeit morgens zwischen 4:00 – 5:00 anrufen.
 Das versteht Seiten-Betreiber Trojahn nicht als Aufforderung, sondern als „Satire zum Schmunzeln“. Doch wenn gedankenlose Spaßvögel Trojahns Tipps umsetzen, vergeht den Opfern das Lachen sehr schnell, nachzulesen in belebten Foren wie internetvictims.de. Wolfgang Frese vertritt Menschen, die eines Tages intime Videos und Nackt-Fotos von sich im Netz fanden.
Wer sich im Einzelnen diese Bilder anguckt, ist dabei gar nicht so entscheidend. Entscheidend ist vielmehr, dass der Betroffene immer denkt: Jeder hat mich jetzt schon einmal nackt oder in dieser Situation gesehen. Und das ist natürlich eine starke seelische Belastung, die nicht jeder bewältigt.
Am Pranger, ein Leben lang. Freses aktueller Fall zeigt, welche Macht das Internet jedem von uns gibt über das Leben anderer. Freses Mandantin hat in einer Tauschbörse Nacktfotos von sich entdeckt. Sie verdächtigt ihren Ex, stellt Strafanzeige. Doch die Bilder sind in der Welt, unkontrollierbar, nicht mehr einzufangen. Und so nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Der Sohn ihres Chefs sieht die Fotos, zeigt sie seinem Vater. Die Frau – in gehobener Position für die Öffentlichkeitsarbeit eines internationalen Unternehmens tätig – wird entlassen. Ihr Anwalt Wolfgang Frese:   
Die Situation ist natürlich brenzlig. Denn erstmal hat man einen sehr guten Arbeitsplatz, der auch sehr gut bezahlt ist und verliert diesen plötzlich aufgrund dieser Geschichte und muss natürlich dann schon irgendwie sehen, dass man auch wirtschaftlich wieder auf die Beine kommt und das vor diesem Hintergrund ist schon sehr schwer.
Das Strafverfahren läuft, vielleicht bekommt die Frau Schmerzensgeld, vielleicht eine Abfindung. Aber das kann Jahre dauern. Vor allem, wenn die Server im Ausland stehen – wie im Fall meine-ex.net. Enttäuschte Liebhaber laden dort Nacktbilder ihrer Ex hoch.
Die Kontaktadresse verweist in die Dominikanische Republik. Doch Telefon und E-Mail bleiben unbeantwortet. Rechtsanwalt Frese rät:
Man kann allen Mädchen nur raten, sich nicht nackt fotografieren zu lassen von ihren Liebhabern. Aber wir nicht darum herum kommen eine Art Internetpolizei einzurichten über kurz oder lang.