• 30. Juli 2008 17:07
  • Off-Air

60 Jahre Stern – „Aus dem Bauch heraus gemacht.“


Seine größten Erfolge feierte der „Stern“ Mitte der 60er Jahre, als das Blatt an Kiosken und über Abonnements fast zwei Millionen Exemplare verkaufte – soviel, wie keine andere Zeitschrift. Die Illustrierte, die sich als „Wundertüte“ versteht, lockte die Leser mit ihrer Frische – einer Kombination aus Politik, Reportagen, Unterhaltung, Service und vor allem großem Fotojournalismus.
          Ein Konzept, das noch immer zieht. Dennoch ist es in der Medienflut von heute für den „Stern“, schwieriger geworden, auf sich aufmerksam zu machen und sich gegenüber der Konkurrenz zu behaupten. Am Freitag vor 60 Jahren, am 1. August 1948, ist der „Stern“ zum ersten Mal erschienen.

          „Meine Idee war es immer, Menschen unterhaltsam zu informieren“, mit diesem Leitsatz warb „Stern“-Erfinder Henry Nannen nach dem Zweiten Weltkrieg bei der amerikanischen Militärverwaltung erfolgreich für sein Konzept. „Wenn Sie so auf die Straße gehen und sehen diese zerlumpten Menschen. In Hannover war es ja schrecklich nach dem Krieg, nicht. Wenn man denen in dieser entsetzlichen Situation einen Stern der Hoffnung…, Moment mal, sage ich, Stern, das wäre doch ein guter Titel… Das hatte ich natürlich alles schon vorher überlegt, und da sagt er, oh ja, sehr gut, dann machen wir Stern“, erzählte Henri Nannen später rückblickend. 
          Wie ein Stern überragte die Illustrierte schnell den deutschen Pressemarkt. Zunächst ein reiner Unterhaltungsdampfer, überzeugte das Blatt mit Promigeschichten, Reportagen aus aller Welt und einem herausragenden Fotojournalismus. Von Anfang wurden wichtige Themen in seitenlangen Bildstrecken visualisiert. Der Stern – ein sinnliches Erlebnis für die Leser, dank seines Chefredakteurs Henri Nannen. „Nannen hat den Stern aus dem Bauch heraus gemacht und damit den Geschmack einer ganzen Nation getroffen“, erinnert sich Thomas Osterkorn, derzeit einer der beiden Chefredakteure des „Stern“ gegenüber dem NDR-Medienmagazin ZAPP.  
          Bald profilierte sich der Stern auch politisch. Ein Skandalbericht über Verschwendung bei den Besatzungsmächten, Sebastian Haffners beißende Kommentare über den deutschen Obrigkeitsstaat, die legendäre Titelseite „Wir haben abgetrieben“, die Unterstützung der Ostpolitik Willi Brandts – Nannen mischte sich mit seinem Blatt ein und provozierte. 1980 verließ er seinen Chefredakteurs-Posten, blieb nur noch Herausgeber. Drei Jahre später erlebte der „Stern“ seine größte Pleite. Die spektakulär angekündigten „Hitler-Tagebücher“, vom Verlag für über neun Millionen Mark erworben, entpuppten sich als Fälschung. „Es ist schon ein Gau der Pressegeschichte gewesen. Der war natürlich möglich in einer Situation, als eine neu installierte Chefredaktion nicht so stark war und gleichzeitig dort Leute in der Verlagsleitung waren, die meinten, die könnten das besser“, sagt Thomas Osternkorn. 
          Der Imageschaden lässt sich kaum beziffern. Heute gilt die Affäre als überwunden. Seine herausragende Stellung konnte der „Stern“ allerdings nicht wieder einnehmen – auch aufgrund der wachsenden Konkurrenz am Markt. Doch immerhin: über sieben Millionen Leser erreicht das Magazin Woche für Woche – und das im digitalen Zeitalter! Und für Aufsehen sorgt es immer noch hin und wieder, zuletzt als es den Lidl-Skandal um illegale Bespitzelung von Mitarbeitern der Discounter-Kette enthüllte.
Unsere Kollegen vom Radiofeuilleton sprechen am „Stern“-Geburtstag kurz nach 15 Uhr mit Michael Jürgs, Publizist und ehemaliger Chefredakteur des Blatts. /vli